Bikejöring mit Verstand und Gefühl – Expertentipps von Peter Hummel

LESEPROBE aus der SPF 32

Von Katharina Möller

 

Peter Hummel ist seit 30 Jahren im Zughundesport aktiv. Er trainiert Zughundesportler auf hohem internationalem Niveau, betreut aber auch Breitensportler und Neueinsteiger und bildet Trainer aus. Bikejöring unterrichtet er in seiner in Oberhessen ansässigen Zughundeschule Pfotenläufer seit den Neunzigerjahren.

Als ich damit beginnen wollte, meine Hunde am Fahrrad nicht nur nebenherlaufen zu lassen, sondern sinnvoll zu trainieren, habe ich ihn kennengelernt. Mein Border Collie mag nämlich keine Geschirre, und das trifft sich am Rad natürlich schlecht. Ich kam zufällig auf Peters Website und rief ihn an, um mich beraten zu lassen, wie und mit welchem Geschirr das dennoch gehen könnte. Peter verstand mein Problem, schickte mir Geschirre zum Ausprobieren und half mir mit entscheidenden Tipps. Seine langjährige Erfahrung teilte er bereitwillig und verhalf meinem Hund und mir mit einer großen Menge Herzblut zum Einstieg ins Bikejöring. Heute sind wir begeisterte Freizeitsportler in dieser Sparte und haben mittlerweile auch den Rest der Familie angesteckt.

„Beim Zughundesport steht für mich die Beziehung zwischen Hund und Mensch im Mittelpunkt. Man muss einen gemeinsamen Nenner finden, um als Einheit zusammenzuarbeiten“, sagt Peter. Er lehnt es ab, den Hund zu etwas zu zwingen. „Man bringt dem Hund die Basics bei, das geht einfach beim täglichen Spaziergang. Im Prinzip brauchst du nur Signale zum Rechts- oder Links-Abbiegen, rechts oder links an etwas Vorbeilaufen und ein Wort für ,Okay‘ und für ,Nein‘“, erklärt er mir. Auf dieser Basis läuft das Training dann nach Gefühl ab, wobei das Bild, das man als Halter von seinem Hund hat, einen großen Einfluss auf dessen Verhalten in der Arbeit habe.

„Das Bikejöring ist eine Monohundsportart und hat mit dem Schlittenhundesport an sich wenig zu tun. Man könnte es heute schon als Trendsportart bezeichnen. Im Prinzip ist jeder Hund geeignet, er sollte nur grundsätzlich 20 Stundenkilometer schnell rennen können, denn so schnell ist ein Mensch auf einem Rad in der Regel. Grundsätzlich muss man mit der eigenen Geschwindigkeit aber aufpassen, um den Hund nicht zu überfordern oder zu verunsichern. Während man beim Canicross selbst auch zu Fuß unterwegs ist und die eigene Fitness limitierend ist, ist man dem Hund auf dem Rad in puncto Geschwindigkeit leicht überlegen. Auf jeden Fall muss die Leine immer auf Spannung bleiben. So spüren sich Hund und Mensch gegenseitig, was Sicherheit gibt.“

Aus meiner eigenen Erfahrung mit meinem Border Collie und dem Deutsch Drahthaar meines Mannes erkenne ich in der Praxis jedoch schon deutliche Unterschiede, deswegen frage ich nach, ob es nicht mehr oder weniger geeignete Rassen gebe. Peter erläutert, dass Hunde aus Arbeitsrassen meist besser ziehen als reine Showhunde, dass aber vor allem jeder Hund seine eigene Wohlfühlgangart und ein bestimmtes Tempo habe, in denen er gut und ausdauernd laufen kann. Als ich nach gesundheitlichen Risiken frage, kommt er auch auf das Thema Übergewicht zu sprechen: „Die Schönheitsideale sind bei verschiedenen Rassen unterschiedlich, und da erlaube ich mir auf meinen Kursen manchmal die Frage, ob das mit drei Kilo weniger nicht auch besser ginge mit dem Sport …“

Ein wichtiger Aspekt stellt die Ausrüstung dar. Um mit dem Bikejöring zu beginnen, braucht man selbst „ein Fahrrad mit guten Bremsen“, sagt Peter lachend. Das kann ich aus persönlicher Erfahrung bestätigen und habe mir tatsächlich für diesen Sport ein neues Mountainbike mit hydraulischen Bremsen gekauft. Damit der Hund gesunderhaltend arbeiten kann, braucht er ein perfekt sitzendes Zuggeschirr und eine 2,7 Meter lange Leine mit Ruckdämpfer. Die Welt der Zuggeschirre war für mich selbst ein Buch mit sieben Siegeln, denn es gibt ganz verschiedene Ausführungen, und dabei muss ja nicht nur der Halsumfang passen, sondern auch die Länge und die Statur des Hundes müssen berücksichtigt werden. Da die wenigstens Geschirre verstellbar sind, kann ich die individuelle Beratung und Ausstattung beim Profi (siehe Kasten) nur empfehlen. „Das Zuggeschirr darf auf keinen Fall scheuern oder die Schultern stauchen“, warnt Peter.

Und wie beginnt man dann das Ziehen vor dem Rad? „Im Idealfall trainierst du mit einer Gruppe und hast erfahrene Leute dabei. In unseren Kursen handhaben wir das ganz individuell je nach Hund, zum Beispiel, indem in strategischen Momenten jemand vorausfährt. Ziel ist es, dass der Hund die Zugarbeit selbst als Belohnung empfindet. Dass ein Hund die Laufmotivation verliert und stattdessen zum Beispiel schnüffeln geht, ist oft einfach ein Zeichen mangelnder Kondition.“ Wie in jeder Sportart macht es Sinn, sich einen fachkundigen Trainer zu Hilfe zu holen, der Probleme richtig einschätzen kann. Nach dem typischen Fehler gefragt, den Einsteiger allein oft machen, antwortet Peter spontan: „Sie spüren nicht, wann es genug ist. Mit zu viel Ehrgeiz und zu hohen Geschwindigkeiten läuft sich ein untrainierter Hund kaputt, und dann bleibt natürlich auch der Spaß auf der Strecke! Da ist weniger meist mehr.“

Jetzt im Sommer stellt sich auch die Frage nach den vertretbaren Temperaturen. Ist Bikejöring etwa eine reine Wintersportart? „Entscheidend sind Luftfeuchtigkeit und Temperatur. Wird es wärmer als 15 bis 17 Grad, muss man aufpassen. Es gilt der Satz: ,Speed kills‘, das heißt, je wärmer es ist, desto weniger schnell und weniger weit fährst du. In den Morgenstunden im Sommer ist es in der Regel kühl genug, und dann fährst du halt vielleicht nur 2,5 Kilometer, machst Pause und lässt die Hunde in einen Teich springen.“ Wie hitzeempfindlich ein Hund sei, hänge übrigens weniger von seiner Fellstruktur ab, sondern von seinem Stoffwechsel, sagt Peter. Er selbst hält in seiner Familie neun Hunde und kann aus jahrelanger Erfahrung sagen, dass das Hitzeempfinden wie bei Menschen auch ganz individuell ist. „Ein Zeichen zum Aufhören ist es, wenn der Hund beginnt, den Kopf zu überstrecken. Normalerweise zieht er mit tiefem Kopf. Muss er ihn höher nehmen, um besser Hecheln zu können, ist Vorsicht geboten. Besonders bei Hetzhunderassen muss man Verantwortung übernehmen, denn die hören eben nicht von selbst auf zu rennen.“ Das Gleiche gilt auch für den Untergrund: „Grundsätzlich betreibt man Bikejöring dort, wo es niemanden stört, also außerhalb der Zivilisation. Ein weicher Waldweg wäre ideal. Asphalt oder Schotter vertragen die Pfoten nicht gut. Auch diese Verantwortung trägt der Mensch.“

Im Internet haben Peter und seine Familie diverse Trainingsvideos veröffentlicht (siehe Kasten). Dabei beschreiben sie einen durchdachten Trainingsaufbau. Er fasst zusammen: „Erst kommt der Muskelaufbau, dann die Geschwindigkeit. Wir trainieren das systematisch in geplanten Intervallen.“ Auf Nachfrage nennt er auch eine Hausnummer: „Bei kühlem Wetter, gutem Boden und trainiertem Hund kannst du schon bis zu 15 Kilometer fahren.“ Wie viel man dabei selbst mittritt oder sich vom Hund ziehen lässt, muss man wieder individuell einschätzen. „Der Hund muss sein Tempo gehen können“, sagt Peter. Bei meinem leichten Border Collie trete ich vor allem bergan schon deutlich mit. „Bergab muss man besonders aufpassen und angemessen bremsen, damit die Leine auf jeden Fall gespannt bleibt und man nicht den Hund in überhöhtem Tempo vor sich hertreibt“, betont er.

Aus Peters Youtube-Kanal kenne ich auch sein Tierschutzprojekt. Dabei fördert er Tierschutzhunde durch und für den Zughundesport. „Die Hunde sind glücklich, einen Auftrag zu haben, den sie verstehen. Durch Wiederholung der immer gleichen Abläufe bekommen sie Sicherheit. Gerade auch im Umgang mit anderen Hunden, denn alle sind angeleint, alle machen einen Job. Die anderen Hunde wollen nichts von ihnen, sondern laufen einfach vorbei.“ Besonders stolz ist er darauf, dass es schon mehrere seiner Schützlinge auch wirklich in den Sport geschafft haben: „Beim diesjährigen Vulcanicross waren vier Teams aus dem Tierschutzprojekt souverän und erfolgreich im Wettkampf.“

Der Aspekt, dass sich der Hund beim Bikejöring angeleint auspowern kann, ist für mich persönlich ebenfalls wichtig: Wenn ich beruflich unterwegs bin, nehme ich mittlerweile mein Fahrrad mit und kann damit auch in fremden und wildreichen Gebieten die Hunde sicher bewegen und dabei der Leinenpflicht entsprechen (Stichwort Brut- und Setzzeit).

Ein Problem der Trendsportart Bikejöring sieht Peter darin, dass es nicht genügend gute Trainer für die wachsende Zahl der interessierten Hundehalter gibt. „In Internetforen lese ich teilweise wirklich haarsträubende Tipps“, bedauert er und kann mir auch kein Fachbuch empfehlen, das er tatsächlich richtig gut findet. „Manche Kunden verlassen sich bei der Wahl ihres Trainers auf die Paragraph-11-Erlaubnis, aber die sagt absolut nichts darüber aus, ob einem jemand den Zughundesport beibringen kann.“ Deswegen schult er selbst in Workshops bei sich zu Hause oder extern in verschiedenen Hundeschulen nicht nur private Hundehalter, sondern auch Hundetrainer. Er erarbeitet derzeit eine Trainerausbildung gemeinsam mit Tierärzten, dem Veterinäramt, Physiotherapeuten und einem sportmedizinischen Institut. Durch ein kompetentes Team aus verschiedenen Fachbereichen soll die Ausbildung Hand und Fuß bekommen.

 

Links:

www.simply-outside-shop.de  (Equipment mit professioneller Beratung)

https://www.youtube.com/channel/UC0aMW_VNXYwhMWLk2h_26lw Simply (Outside Canicross TV, kostenlose Videos mit vielen Trainingstipps)

www.pfotenlaeufer.de               (Peter Hummels Website zum Zughundesport)

 

 

SitzPlatzFuss 32 CoverDieser Artikel ist eine LESEPROBE aus der SPF 32. Die Ausgabe kann versandkostenfrei im Cadmos-Shop bestellt werden.

 

Katharina Möller

… lebt mit ihrer Familie, drei Hunden und sieben Pferden sowie zahlreichen Ausbildungspferden in der Nähe von Erfurt. Hauptberuflich betreibt sie den Ausbildungsstall „An den Hofstätten“, wo sich Freizeitreiter, deren Pferde und Trainer fortbilden können. Außerdem gibt sie deutschlandweit Kurse. Sie hat bereits mehrere Bücher und eine DVD im Cadmos-Verlag veröffentlicht, unter anderem das Buch „Praktische Ausbildung für Pferd und Hund“ gemeinsam mit Madeleine Franck.

Weitere Infos: www.klassische-reiterei.com