Treibball – mehr als nur Bälle schubsen

– Leseprobe – Von Bärbl Runggaldier

„Das ist der Sport für Hunde, der sie so aufputscht.“

„Die Hunde bellen dabei so laut.“

„Meine haben schon viele Bälle zerbissen, das wird mir zu teuer.“

„Da gibt es ja so harte, unkaputtbare Plastikbälle und ,Running Eggs‘, die halten ewig. Man kann sie in den Garten legen, der Hund beschäftigt sich selbst und ist danach supertoll müde.“

„Treibball ist ganz gefährlich, da lernen die Hunde das Jagen.“

„Bälle statt Schafe????“

„Treibball ist Sport, in dem der Hund acht Bälle auf schnellstem Weg ins Tor bringen soll und dabei die Zeit gestoppt wird.“

 

Das ist Treibball?!

Nein, so soll für mich Treibball niemals sein. Treibball ist eine sinnvolle Beschäftigung und nicht nur für Hütehunde geeignet. Es ist eine Ergänzung zu vielen anderen Hundesportarten, jedoch in Deutschland noch nicht sehr bekannt.

Das Ziel beim Treibball ist es, Gymnastikbälle („Schafe“), die auf einem Spielfeld (einer Wiese) in beliebiger Anordnung ausgelegt sind, in Zusammenarbeit von Mensch und Hund in ein Tor (ein „Gatter“) zu bringen. Zielgerichtetes Treiben erreicht das Team, indem der Mensch Stimme und Handgesten einsetzt und der Hund diese Anweisungen am Ball ausführt. Der Mensch muss sich also auf Distanz mit den exakt richtigen Signalen verständlich machen können, der Hund muss lernen zu arbeiten, während er sehr konzentriert auf seinen Menschen achtet.

Treibball eignet sich für Hunde unterschiedlichster Rassen und Größen, etwa ab der zwölften Woche bis ins hohe Alter, und auch Hunde mit Behinderungen können diesen schönen Sport mit ihrem Menschen ausüben. Einzelne Aktivitäten können in Aufgabe und Tempo variiert und auf den jeweiligen Hund und seinen Menschen abgestimmt werden.

Treibball setzt sich aus vielen kleinen Übungen zusammen, die kombiniert werden können, wobei die richtige und professionelle Einführung eines erfahrenen und ausgebildeten Treibballtrainers ausgesprochen wichtig ist, damit der Hund nicht Angst vor den großen Bällen bekommt oder aus Frust die „Schafe“ zerbeißt.

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Foto: Bärbl Runggaldier

 

 

Was wird benötigt?

Erstes Hilfsmittel ist die Leine oder ein spezielles Target, das Hilfestellung für einen festen Ausgangspunkt auf dem Treibballfeld gibt. Wichtig ist dies für das Richtungsweisen. Hierbei bildet die Leine den Mittel- und damit Ausgangspunkt zum Schicken in alle vier Himmelsrichtungen, die mit „Nord“, „Süd“, „West“, „Ost“ oder „drei“, „sechs“, „neun“ oder „zwölf Uhr“ benannt werden können. Man benötigt sie auch, um dem Hund den Outrun zu erleichtern, bei dem er sich hinter den Bällen seinem Menschen gegenüber positioniert. Ich selbst bevorzuge die Leine, nicht das Target, da ich diese immer und überall dabeihabe und dadurch spontan auf einem Parkplatz oder im Wald an einer Wegkreuzung mit dem Hund das Richtungsweisen üben kann.

Anfangs reichen zwei Gymnastikbälle in der Größe zwischen 45 und 85 cm, vorzugsweise 55 oder 65 cm für das Richtungsweisen „rechts“ und „links“. Sie werden im Handel in unterschiedlichen Qualitäten und Materialien angeboten.

Bitte verwenden Sie niemals einen Hartplastikball, den sogenannten Schweineball, oder das Running Egg. Leider wird er oft als „Treibball“ im Handel angeboten. Lassen Sie Ihren Hund nicht mit diesem Ballersatz unbeaufsichtigt! Die Folgen dieses Spiels sind fatal: Der Hund bekommt die harten Bälle nicht zu fassen, das Anstupsen mit der Nase ist schmerzhaft für ihn, sie flutschen ständig weg und der Hund baut Frust auf. So lernt er, sich allein zu beschäftigen – der Mensch wird nicht mehr beachtet, die Interaktion fehlt. Auf Dauer entsteht ein gefährlicher Abrieb der Zähne, die nicht selten sogar ausgeschlagen werden.

Das „Tötenwollen“ des Balles wird forciert. Durch diese Art der eigenen Befriedigung gerät der Hormonhaushalt außer Kontrolle, da der Hund durch sein selbst stimulierendes Jagdverhalten einerseits enorme Glückgefühle empfinden kann, aber auch einen Adrenalinüberschuss produziert. Kaputte Bälle, verletzte, gestresste, bellende und unkontrollierbare Hunde, die hauptsächlich nach außen orientiert sind und ihren Menschen ignorieren, das ist nicht Ziel unserer Arbeit. Mit dem Ferkelball wird dem Hund etwas antrainiert, das wir ihm am „zarten Schaf“, dem Gymnastikball, wieder abgewöhnen müssen!

Weiter benötigt man eine gemähte, ebene Wiese, die mit einem Zaun begrenzt werden kann. Mit einer Absperrung des Arbeitsfeldes können sich die Treibballanfänger besser konzentrieren und es ist eine große Arbeitserleichterung für den Hund. Außerdem werden Reize von außen abgeschirmt und stören nicht die Konzentration des Hundes. Als Zaun eignen sich Weidezaunstäbe aus dem Agrarhandel, die zum Beispiel mit Balkonbespannungen verbunden werden. Das Gatter wird durch ein Tor simuliert, das ebenso mit Weidezaunstäben und Balkonbespannung gesteckt wird.

Nicht zu vergessen sind Bestätigungsgegenstände oder Futterbelohnungen. Wir verwenden am liebsten einen Futterbeutel, der nur zum Werfen gedacht ist und am Ende der „Arbeit“ als Beuteersatz gilt, das heißt als Futterbestätigung. Während der Arbeit wird der Hund verbal bestätigt oder durch einen Dummy, der zum Abbau der Anspannung geworfen wird.

 

Die ersten Schritte in die spannende Treibballwelt

Die ersten Übungen werden zu Beginn an der Schleppleine mit einem Brustgeschirr ausgeführt. Sobald der Hund aufmerksam ist, kann die Leine weggelassen werden. Wie ein Hütehund seine Schafe, soll auch unser Hund die Bälle mit Respekt behandeln. Da sie unser Eigentum sind, geht er nur mit uns zusammen an die Arbeit. Dazu laufen wir mit ihm gemeinsam durch die Bälle. Er darf sie nicht anstupsen, wir verhindern das notfalls durch ein Abbruchsignal. So lernt der Hund zuerst die ruhig liegenden Bälle kennen.

In einem nächsten Schritt wird der Hund abgelegt und der Mensch arbeitet allein. Nach und nach werden die Bälle langsam gerollt, indem sie unten am Boden mit dem Handrücken bewegt werden. Dabei wird der Ball niemals oben mit der Hand gerollt, denn der Hund lernt auch durch Beobachtung und könnte später selbst die Pfote zum Treiben verwenden und damit Risse im Ball verursachen.

Für den Hund bedeutet es eine extreme Selbstbeherrschung, wenn er liegen bleiben muss, während Sie die Bälle schieben und rollen, dann zuerst leicht und später fest mit dem Fuß kicken (natürlich niemals in Richtung des Hundes!). Diese Impulskontrolle ist aber eine wichtige Voraussetzung für Treibball und sollte entsprechend belohnt werden!

 

Der erste Ballkontakt

Die Bälle müssen fest aufgepumpt sein, damit sie vom Hund gut gestupst werden können. Der Rollwiderstand ist im prallen Zustand geringer und der Hund kann nicht so leicht in den Ball beißen. Achten Sie auf ein langsames Kennenlernen der Bälle, da sie durch ihre Größe bedrohlich wirken können und auch jegliches Geräusch laute Resonanz bekommt.

Der Hund wird an der Leine geführt, um seinen Umgang mit dem Ball kontrollieren zu können. Ist er interessiert, wird ihm gezeigt, wo er den Ball unten am Boden stupsen darf. Versucht Ihr Hund jedoch das „Schaf“ zu töten, wird schon der erste Ansatz mit einem deutlichen Signal abgebrochen und eine kurze Unterbrechung folgt (zum Beispiel Mensch setzt sich auf den Ball). Der Hund darf nie ohne Anweisung den Ball berühren.

Um dem Hund das Anstupsen besser vermitteln zu können und ihm die Angst vor dem Ball zu nehmen, kann beispielsweise ein Autoreifen zu Hilfe genommen werden. Unter dem Ball, der auf dem Reifen platziert ist, wird ein Dummy als Lockmittel versteckt. Hat der Hund den Ball weggestupst, findet er den Beutel und hat sofort ein Erfolgserlebnis. Dadurch wird er motiviert, den Ball selbst zu bewegen.

Anfangs wird der Hund nicht in der Lage sein, den Ball in eine bestimmte Richtung zu schieben. Um ihm die ersten Stupser zu erleichtern, kann mit Absperrungen eine Gasse aufgebaut werden, die einerseits die Richtung für den Ball vorgibt, andererseits dem Hund das Erfolgserlebnis bietet, den Ball gezielt bewegt zu haben.

Das Erlernen des gezielten Treibens wird für Mensch und Hund eine Gratwanderung. Zum einen muss dem Hund die Möglichkeit gegeben werden, die Technik für sich zu erlernen, zum anderen muss der Mensch den Hund steuern, damit er keinen Frust aufbaut, wenn zum Beispiel der Ball in einer Ecke stecken bleibt. Gerade in diesem Stadium des Trainings werden die Geduld und das Einfühlungsvermögen des Menschen auf die Probe gestellt. In allen Lernphasen sollte unbedingt, wie auch bei jeder anderen Sportart, die Hilfe eines qualifizierten Trainers in Anspruch genommen werden. Dieser wird ein eventuelles Fehlverhalten des Hundes wie auch des Menschen frühzeitig erkennen und mit dem Team gemeinsam eine Lösung erarbeiten. Es muss immer gewährleistet sein, dass Treibball für Mensch und Hund möglichst stressfrei erlernt und mit Freude und Spaß ausgeführt werden kann.

Nachfolgend beziehungsweise zwischen den oben genannten Übungen arbeitet man am Richtungsweisen weiter, das man erst in kurzen Sequenzen trainiert und dann später mit immer längeren Strecken ausarbeitet. Es folgt das gezielte Arbeiten zum Tor, wobei weiteren Variationen des Treibballs keine Grenzen gesetzt sind.

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Foto: Bärbl Runggaldier

 

Variationen

Außer dem Treiben auf das Tor gibt es interessante Varianten, die immer wieder Spaß und viel Abwechslung für das Team bringen.

Rally-Treibball ist eine lustige Art des Treibballtrainings für Mensch und Hund, bei der nicht nur der Ball vom Hund getrieben wird, sondern auch der Mensch Aufgaben erledigen muss. Bei Wasser-Treibball ist es wichtig, dass der Mensch den Ball nicht einfach in ein Gewässer wirft (und keinesfalls in ein fließendes), sondern mit großer Vorsicht dem Hund langsam beibringt, den Ball auf den Menschen zuzutreiben.

Geräte-Treibball bedeutet zum Beispiel, den Ball über eine abgesicherte Brücke zu treiben oder auf eine Erhöhung zu schieben. Auch hierbei gibt es zahlreiche und unterschiedliche Möglichkeiten. Treibball mit Dogdance vermischt ist etwas für die beschwingten Menschen, und bei Spaß-Treibballturnieren geht es lustig zu, wenn beispielsweise auch der Mensch durch den Tunnel robben muss. Bei solchen Wettkämpfen ist jedoch sehr auf Distanz zu anderen Hunden zu achten, da die Gefahr besteht, dass die Hunde „ihre“ Bälle verteidigen wollen. Deshalb sollten nur erfahrene Treibballer gemeinsam mit anderen Teams treiben.

 

Was Treibball ausmacht

Eine sinnvolle Arbeit ist für unsere Hunde nachvollziehbar, was aber auch bedeutet, dass wir sie ernst nehmen müssen, um von ihnen ernst genommen zu werden. Statt nach der immer gleichen Routine vorzugehen, sollte man beim Treibball mit wechselnden Aufgaben dafür sorgen, dass der Hund gespannt und motiviert auf unsere Signale wartet. Kombiniert man viele unterschiedliche Aktivitäten mit den Bällen, wird das Zuhören geschult. Liegt zum Beispiel ein Ball auf dem Feld und daneben ein Futterbeutel, dann muss auf Anweisung mal der Ball liegen bleiben und der Dummy gebracht werden, mal erst der Ball getrieben werden. Natürlich kann man sich anstelle des Dummys auch ein Spielzeug oder eine alte, ausgestopfte Socke bringen lassen. Wichtig ist jedoch, dass der Hundehalter Signale, Motivationsgegenstände oder Dinge verwendet, zu denen er selbst steht und von denen er überzeugt ist.

Ausgesprochen wichtig ist es, dass jeder Hund die Chance bekommt, seine Treibballjagd nicht unter Konkurrenz eines anderen Hundes, sondern nur mit seinem Menschen auszuüben.

Fantasie kombiniert mit Ruhe ist das oberste Gebot. Lassen Sie den Hund nicht mit Zeitdruck und Stoppuhr den Bällen hinterherhetzen. Das bringt selbst den coolsten Hund außer Rand und Band und peitscht ihn auf. Gerade das ist niemals der Sinn meiner Treibballarbeit!

In der Ruhe bei der Arbeit und der Unberechenbarkeit in Bezug auf die Aufgabenstellung liegt der Schlüssel im Treibball, der das Team zusammenschweißt. Kommunikation wird ganz großgeschrieben. Eine gute Beziehung, die wir mit unserem Hund erreichen wollen, schaffen wir nie durch Druck und Machtgehabe. Wir sprechen miteinander.

Beherzigen Sie die Ideen und Vorschläge dieses Artikels, werden Sie mit Treibball eine vielseitige und artgerechte Beschäftigung für Ihren Hund finden, für die Sie durch eine vertiefte Beziehung und Bindung zu Ihrem Hund belohnt werden. Haben Sie Geduld. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Die langsame, ruhige Arbeit ist bei Treibball das A und O, kombiniert mit einem kompetenten Treibballtrainer, der selbst mit seinem Hund die Bälle schiebt.

 

 

Bärbl Runggaldier

… ist zertifizierte Treibballtrainerin und Inhaberin von „Die Treibballschule“. Sie gibt Seminare in Hundeschulen, Vereinen und Interessengruppen in ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz. Ihr Buch „Treibball-Ideen, 100 Karten – 1000 Möglichkeiten“ ist im Eigenverlag erschienen und hilft jedem, vom Anfänger bis zum Fortgeschrittenen, ruhig und in klaren Schritten Treibball zu lernen.

Bärbl Runggaldier hat seit 17 Jahren Hunde. Zurzeit leben drei Treibballhunde mit ihr zusammen, die dazu beitragen, Treibball auszuarbeiten und vor allem weitergeben zu können. Ihr Motto: „Treibball rockt!“

Weitere Infos: www.dietreibballschule.de