Leinenführigkeit – einfach, aber nicht leicht

+++ LESEPROBE aus der SPF Sonderausgabe „Hundeprobleme“ +++

Von Sabine Winkler

 

Es ist immer ein schönes Bild und sieht ganz leicht und selbstverständlich aus, wenn ein Mensch mit einem richtig gut leinenführigen Hund die Straße entlanggeht. Was für ein Unterschied zu einem Mensch-Hund-Paar, bei dem diese Selbstverständlichkeit fehlt: Zweibeiner und Vierbeiner zerren aneinander, von Harmonie keine Spur. Warum scheitern so viele Mensch-Hund-Teams an einer so simpel erscheinenden Aufgabe?

 

Die Quadratur des Kreises

In Wirklichkeit ist Leinenführigkeit gar nicht so simpel, sondern eine höchst komplexe und etwas widersprüchliche Aufgabe. Um die Leine stets locker zu halten, muss der Hund einerseits darauf achten, dass er den Radius, den die Leine vorgibt, nicht verlässt. An der kurzen Leine bedeutet dies de facto, sich dem Tempo des Menschen dauernd anzupassen. Und sollte die Leine sich ausnahmsweise doch einmal straffen, möchte man, dass der Hund sich nicht gegen den Zug stemmt, sondern sofort nachgibt. Ansonsten kann der Hund aber im Prinzip machen, was er will – in der Gegend herumgucken, mal kurz schnuppern, gelegentlich die Seite wechseln usw. Und das ist auch der Knackpunkt: Bei der Leinenführigkeit ist die Definition dessen, was der Hund tun soll, relativ schwammig. Bei der so ähnlich aussehenden „Fuß“-Übung gibt man dem Hund dagegen normalerweise genau vor, worauf er sich konzentrieren soll (z. B. auf die Hand oder das Gesicht seines Menschen) und wo er sich genau in Position zu diesem aufhalten soll (z. B. eng am Bein und mit der Schulter auf Höhe der Hosennaht des Menschen). Das ist für viele Hunde einfacher. Aber da der Hund nicht gut den ganzen Spaziergang lang „Bei Fuß“ gehen kann – dies überfordert ihn in seiner Konzentrationsfähigkeit und lässt ihm keinen Spielraum für seine hundlichen Bedürfnisse –, ist die Leinenführigkeit im Grunde wichtiger.

Dazu kommen noch einige andere Schwierigkeiten: Da die meisten Hunde sich von Natur aus im Durchschnitt doppelt so schnell fortbewegen wie Menschen, ist es für sie eine Zumutung, sich längere Zeit dem „Schneckentempo“ des Menschen anpassen zu müssen.

Das An-der-Leine-Gehen ist zudem eine ununterbrochene Übung in Impulskontrolle. Der Hund muss sich die ganze Zeit zusammenreißen und auf vieles verzichten, was einen Spaziergang für ihn lohnend macht: Längere Zeit etwas beschnuppern oder beobachten, spontan zu etwas hinlaufen, vom Weg abweichen und vieles mehr ist nicht oder nur eingeschränkt möglich. Gerade bei jungen Hunden ist die Fähigkeit, sich längere Zeit zu konzentrieren und Impulskontrolle aufzubringen, oft noch begrenzt. Verlangt man von ihnen zu viel Gehen an kurzer Leine, reagieren sie ähnlich wie ein quengeliges Kleinkind. Manche Hunde fangen sogar aus Stress oder Frust an, in die Leine oder die Ärmel ihres Besitzers zu beißen.
Leinenführigkeit braucht man außerdem im Alltag von Anfang an, sodass es schwer bis unmöglich ist, den Schwierigkeitsgrad allmählich zu erhöhen. Meist muss schon der Welpe ganz ohne Lehrzeit vom ersten Tag an viel an der Leine gehen.

Schließlich muss nicht nur der Hund, sondern auch der Mensch viel Selbstdisziplin aufbringen. Vielleicht noch auf Monate hinaus ist ausnahmslos jedes Mal, wenn der Welpe oder junge Hund an der Leine ist, Trainingsstunde. Dabei hat man es im Alltag oft eilig und ist ungeduldig. So fällt es uns Menschen schwer, immer konsequent zu sein.

 

LeinenführigkeitTrainingsmethoden

Um das Ziel Leinenführigkeit gewaltfrei zu erreichen, verwendet man vor allem folgende Trainingselemente:

 

Negative Strafe/negative Verstärkung: Der Hund kommt nicht weiter, wenn er zieht. Meist bleibt der Mensch einfach stehen, sobald der Hund zieht („Stopp & Go“). Über die Frage, wann man weitergehen soll, scheiden sich die Geister: Sobald die Leine sich lockert, sobald der Hund sich zum Besitzer umdreht, wenn der Hund zurück zum Besitzer gekommen ist, wenn er Blickkontakt zum Besitzer aufgenommen hat, wenn er sich gesetzt hat usw., usf. Manche Methoden beinhalten auch, dass man umdreht und ganz zum Start oder eine gewisse Strecke zurückgeht, sobald der Hund zieht. Dies funktioniert dann am besten, wenn der Hund ein bestimmtes Ziel erreichen will. Will er vor allem schneller laufen als der Mensch, stört der Richtungswechsel ihn wenig. Er zieht dann eben in die neue Richtung.

 

Positive Verstärkung: Um den Hund überhaupt dazu zu bringen, neben seinem Menschen herzugehen, damit man ihn dafür belohnen kann, wird er evtl. mit einladender Körpersprache, Stimme oder Lockleckerchen zum Folgen veranlasst. Oder der Hund wird im Gehen für Blickkontakt zum Besitzer belohnt, sodass er deswegen neben seinem Menschen herläuft. Richtungs- und Tempowechsel machen das Mitlaufen interessanter oder erzwingen bis zu einem gewissen Grad die Aufmerksamkeit. Läuft der Hund auf Höhe seines Menschen, gibt es zur Belohnung Lob und/oder Leckerchen. Leckerchen gibt man direkt oder nach einem Markersignal (Clicker oder Lobwort). Meist kommen die Leckerli aus der Hand, manchmal bremsen auch auf den Boden geworfene Belohnungsleckerli stürmische Hunde aus. Holt der Hund nach dem Fressen des Leckerchens auf, kann er sofort wieder fürs Mitgehen belohnt werden. Die Belohnung kann auch darin bestehen, dass man schneller geht oder der Hund ein für ihn attraktives Ziel nur erreicht, indem er die Leine locker hält (Kombination mit negativer Verstärkung).

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