Spielen mit positiven Nebenwirkungen

LESEPROBE  aus der Sonderausgabe Beschäftigung und Spiel

Von Madeleine Franck

Bei unserer letzten Gartenparty haben wir mal wieder festgestellt, dass Bällchen-Spielen mit Hund offenbar zu den grundlegenden Bedürfnissen des Menschen gehören muss. Kaum ist ein Hund anwesend und Spielzeuge liegen herum, beginnt der durchschnittliche Nichthundebesitzer zu werfen. In der Regel sorgt es für große Begeisterung, dass der Vierbeiner das Spielzeug nicht nur zurückbringt, sondern es auch noch brav abgibt, wenn man mit ihm darum Tauziehen spielt. Nur die Selbstkontrolle geht dabei flöten – und zwar die des Zweibeiners: Das Spiel dauerhaft zu beenden scheint eine echte Herausforderung, auch wenn wir ausdrücklich und inklusive Erklärung darum gebeten haben. Langfristig hilft es meist nur, unauffällig alle angeschleppten Spielzeuge verschwinden zu lassen.
Menschen haben also Spaß am Spiel mit Hunden. Für die meisten Hunde gilt umgekehrt das Gleiche, vorausgesetzt sie haben gelernt, den Mensch als Spielpartner zu betrachten. Dass Hunde überhaupt spielen, hat sicher seinen Sinn. Welpen spielen wie alle Tierkinder, um ihren Körper auszuprobieren, Bewegungen zu üben und zu verfeinern. Daher spielen sie auch alleine und mit Objekten. Dieses „Training“ hilft dem kleinen Hund dabei, seine Umwelt kennen- und einschätzen zu lernen. Im Idealfall verhilft das Spielen mit anderen Hunden auch zu einem besseren Sozialverhalten, denn es bietet die Gelegenheit, kommunikative Signale zu verfeinern und Verhaltens- und Spielregeln zu lernen. Die meisten Welpenspielgruppen basieren auf diesem Konzept – was aber leider in der Praxis oft ganz anders aussieht.

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Wie spielen?
Bei vielen Trainern sind Objektspiele mit dem Hund verpönt, mit diversen Begründungen. Für die einen ist es nur artgerecht, körpersprachlich mit dem Hund zu interagieren und entsprechend auch im Spiel so zu tun, als sei man ein Hund statt einer Ballwurfmaschine. Andere kritisieren vor allem die Gefahr, dass sich der Hund beim Spiel zu sehr aufregt oder zum Spielzeugjunkie werden könnte. Wieder andere raten besonders von Zerrspielen ab, damit der Hund kein „hartes Maul“ entwickelt oder gar schiefe Zähne bekommt.
Ausschließlich körpersprachlich zu spielen, würde bedeuten, mit unseren begrenzten körperlichen Mitteln hündisches Verhalten sehr eingeschränkt nachzuahmen. Oft sind es gerade die feinen Signale, wie eine Veränderung der Ohrenstellung, die unter Hunden Aufschluss über die Absichten des Gegenübers gibt. Glücklicherweise sind Hunde Meister darin, über die körperlichen Unzulänglichkeiten des Menschen hinwegzusehen und die menschliche Kommunikation zu entschlüsseln. Wir müssen also nicht „hündisch“ spielen, damit alle Beteiligten Spaß haben, denn Hunde spielen genauso gern „menschlich“. Und sie lernen zum Beispiel problemlos gesprochene Wörter statt körperlicher Gesten als Spielaufforderung oder –abbruch zu verstehen.
In unserer Welpenschule, den nachfolgenden Kursen, im Hundesport und oftmals auch in der Verhaltensberatung, propagieren wir daher das Spiel mit einem Spielobjekt. Der Hund lernt dann, auf ein Hörzeichen (bei uns „putz es!“, oft „schnapp’s dir!“ oder einfach „spielen!“) ins Spielzeug zu beißen und bis zum Abgabewort („aus“, „danke“) mit seinem Menschen zu zerren. Dabei darf und soll er so richtig aufdrehen, knurren und in Partystimmung geraten, wozu er wenn nötig zusätzlich angefeuert wird. Viele Hunde geraten so richtig in Ekstase, wenn sie angefasst und leicht geschubst werden, auch das Werfen des Spielis gehört dazu. Das Wiederbringen wird für den Hund ganz von alleine selbstverständlich, denn er lernt, dass spielen am meisten Spaß macht, wenn am anderen Ende des Spielzeugs ein Mensch dranhängt.

Positive Nebenwirkungen
Während erste Bindungen bei Säugetieren über Körperkontakt, Nähe und natürlich das Säugen entstehen, wird sehr bald wildes Spiel zum wichtigsten „Bindungsmittel“. Und so kann man oft schon in der Welpenspielgruppe beobachten, dass Frauchen oder Herrchen völlig abgemeldet sind, wenn andere Hunde zum Spielen zur Verfügung stehen. Zur Festigung der Bindung zwischen Mensch und Hund ist es ungemein wichtig, dass auch der Zweibeiner zum guten Spielpartner wird. Beim gemeinsamen Zerrspiel hat der Hund den Mensch fast die gesamte Zeit vor Augen, während beide am Spielzeug ziehen. So verknüpft er den Anblick (und die Stimme) seines Besitzers mit all den positiven Emotionen, die er im Spiel erlebt und der Erwartung, dass etwas Spannendes passiert. Spielt man in verschiedenen Umgebungen, zum Beispiel auf dem Spaziergang, erhöht sich die allgemeine Aufmerksamkeit des Hundes auf den Besitzer.
Spielen befriedigt außerdem andere Bedürfniskreise als Futterbelohnung, weshalb es sich sehr gut als Jackpot für Abrufübungen und Ähnliches eignet. Ganz allgemein haben Spieltraining und Spielkontrolle eine wichtige Rolle bei der Prävention von unerwünschten Verhaltensweisen, die mit Erregungszuständen einhergehen. Der Hund hat im wilden Spiel eine Möglichkeit, auf erwünschte Art „Dampf abzulassen“, statt sich seinen Cocktail aus Glückshormonen beim Hetzen, Kläffen oder Stänkern zu holen. Gleichzeitig wird seine Selbstkontrolle in Situationen geschult, die mit Erregung verbunden sind.
Da mindestens die grundlegenden Spielregeln gelten, nur nach Aufforderung ins Spielzeug zu schnappen und auf Wunsch sofort wieder auszulassen, lernt der Hund sozusagen mit klarem Kopf aufzudrehen. Er muss schließlich bewusste Entscheidungen treffen, damit das Spiel weitergeht. Eine weitere Regel ist, dass ausschließlich ins Spielzeug gebissen werden darf, nicht in Finger oder Arme des Menschen. Somit erleichtert Objektspiel vor allem unerfahrenen Welpenbesitzern das Etablieren einer guten Beißhemmung, während bei körperbetontem Spiel oft Fingerbeißen und Schnappen zum Problem wird.
Je fortgeschrittener der Hund beim Spieltraining bereits ist, desto höher kann man auch die Anforderungen an seine Selbstkontrolle schrauben: Anfangs lernt er nur, auf sein Spielwort zu warten während das Spielzeug stillgehalten wird. Nach und nach muss er jedoch Bewegungen des Spielzeugs ignorieren, angetäuschte oder echte Würfe aussitzen, bevor er reinbeißen oder hinterher flitzen darf. Er kann zum Beispiel lernen, dass Spielzeuge oberhalb seines Kopfes niemals zum Spielen freigegeben werden und Hinsetzen statt Anspringen zum sofortigen Erfolg führt. Gerade das Training mit Bewegungsreizen macht sich in vielen verlockenden Alltagssituationen bezahlt.

Wer gewinnt das Spiel?

Noch immer hält sich bei vielen Hundebesitzern hartnäckig die Einschätzung, der Mensch solle das Spiel immer „gewinnen“, um seine Führungsrolle zu demonstrieren. In eine ähnliche Richtung gehen Empfehlungen, nach denen immer der Mensch das Spiel beginnen soll und Spielaufforderungen des Hundes ignoriert werden. Bestimmte Trainer empfehlen dagegen, dem Hund am Ende ab und zu die „Beute“, also das Spielzeug zu überlassen, damit seine Spielmotivation nicht darunter leidet.
Vergessen Sie all diese Theorien. Beim Spielen geht es gar nicht ums Gewinnen, sondern darum, das Spiel am Laufen zu halten. Schon Welpen testen im Spiel aus, wie sie miteinander umgehen können und müssen, um möglichst gut zu harmonieren. Denn tut man etwas Falsches, spielt der andere vielleicht nicht mehr mit. Das Lernen von Spielregeln ist also kein Problem, weil der Hund ein Interesse daran hat dass das Spiel weitergeht. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Spaß beim Spielen mit Ihrem Hund!

Ein Video…

dazu, wie das Spiel aussehen kann, gibt es hier: http://blauerhund.de/Spielkontrolle.htm

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