Kopfschmerzen beim Hund

#LESEPROBE aus der SPF34

Von Renate Albrecht

 

Kopfschmerzen zählen zu den weit verbreiteten Schmerzerkrankungen beim Menschen und so stellt sich die berechtigte Frage, können auch Hunde darunter leiden und wenn ja, wie können Kopfschmerzen beim Hund diagnostiziert werden und welche Formen gibt es beim Hund.

 

Bevor wir auf den Hund näher eingehen, schauen wir doch zunächst einmal kurz, wie sich die Kopfschmerzen beim Menschen darstellen. Dann wird auch schon klar, dass Mensch und Hund unter den gleichen Schmerzen leiden können.

Als „Kopfschmerz“ (Cephalgie) werden alle Schmerzempfindungen im Bereich des Kopfes bezeichnet. Sie beruhen auf einer Reizung von schmerzempfindlichen Kopforganen wie Schädel, Hirnhäute, Blutgefäße im Gehirn, Hirnnerven oder oberste Spinalnerven.

Kopfschmerzen beginnen schleichend oder ganz plötzlich, sie können stechend oder dumpf sein, sehr heftig oder auch kaum wahrnehmbar. Jeder Mensch hat es schon erlebt und man leidet meistens ein bis mehrmals im Jahr darunter.

Im Humanbereich sind in der heutigen Medizin über 220 verschiedene Arten von Kopfschmerzen bekannt. Im Jahr 1982 wurde die Internationale Kopfschmerzgesellschaft (International Headache Society, IHS) gegründet. Im Jahre 1985 wurde von der IHS ein Kopfschmerzklassifikationskomitee eingerichtet, das eine internationale konsensfähige Kopfschmerzklassifikation erarbeiten sollte. Im Jahre 1988 wurde erstmals eine Kopfschmerzklassifikation auf der Grundlage operationalisierter diagnostischer Kriterien publiziert und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die Kopfschmerzklassifikation der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft übernommen. Es erfolgt eine Gliederung der Kopfschmerzen einerseits nach ihrer Ursache, andererseits nach ihrer Art, wobei die klinische Unterteilung nicht streng getrennt erfolgt.

Ursachen von Kopfschmerzen

Primäre Kopfschmerzen

Bei den primären Kopfschmerzen ist der Schmerz selbst die Erkrankung, wobei die Ursachen immer noch nicht genau bekannt sind und deswegen auch nicht immer beseitigt werden können. Die Vorbeugung besteht darin, bekannte Auslöser und Faktoren für die Entstehung zu vermeiden. Die Behandlung besteht in einer schnellen und anhaltenden Schmerzlinderung.

Zu den primären Kopfschmerzen zählen:

  • Migräne
  • Cluster-Kopfschmerz
  • andere trigemino-autonome Kopfschmerzerkrankungen,
  • Spannungskopfschmerz

Was genau bei Kopfschmerzen im Schädel passiert, liegt trotz intensiver Forschung größtenteils im Dunkeln. Die Prozesse der Schmerzentstehung, ihrer Weiterleitung oder der abschließenden Schmerzhemmung geraten dabei aus den Fugen.

 

Mögliche Auslöser der Cephalgie sind jedoch bekannt. Bei primären Kopfschmerzen wie vom Spannungstyp kommen in Frage:

  • Stress (Hier ist sehr gut vorstellbar, dass auch Hunde in der heutigen Gesellschaft unter Stress und somit Kopfschmerzen leiden)
  • Flüssigkeitsmangel (Das kann auch auf den Hund zutreffen.)
  • schlecht belüftete Räume
  • langes Sitzen vor dem Bildschirm bei schlecht eingerichtetem Arbeitsplatz
  • Wetterumschwünge
  • Schlafmangel und unregelmäßiger Schlaf (Dies ist bei chronisch gestressten, überforderten oder nicht artgerecht gehaltenen Hunden durchaus denkbar.)
  • Rauchen
  • Alkohol
  • Hormonschwankungen während des Zyklus bei Frauen

Frauen werden häufiger von Kopfschmerzen, besonders von Migräne befallen als Männer. Migräne ist die zweithäufigste Kopfschmerzart und verursacht pulsierende mäßig bis starke Kopfschmerzen und dauert in der Regel 4 bis 72 Stunden. Zur Migräne gehören auch immer Begleiterscheinungen wie Übelkeit, Licht- und /oder Lärmempfindlichkeit.

Sogenannte Cluster-Kopfschmerzen treten dagegen häufiger bei Männern auf. Diese Clusterkopfschmerzen sind unerträglich starke einseitige Kopfschmerzen, die hinter dem Auge beginnen und oft mit Begleiterscheinungen wie tränendes Auge, verstopfte Nase und Rötung der Augen verbunden sind.

Der gelegentlich auftretende Spannungskopfschmerz ist die mit 90 Prozent am häufigsten auftretende Form des Kopfschmerzes. Die Intensität dieser Kopfschmerzen steigert sich langsam und es sind beide Kopfhälften betroffen. Der Spannungskopfschmerz ist dumpf und hält zwischen einer halben Stunde und wenigen Tagen an.

 

Fallbeispiel für ein Migräne ähnliches episodisches Schmerzverhalten bei einem Hund

Dieser Fall wurde beim Royal Veterinary College präsentiert. Betroffen ist eine 5-jährige, kastrierte Cocker Spaniel Hündin, die seit ihrem 6. Lebensmonat auffällige anfallsartige Veränderungen in Form von lautlichen Äußerungen verbunden mit scheinbarer Angst zeigt.

Einen Tag bis 2 Stunden vor Beginn der Vokalisation wurde die Hündin ängstlich und sehr still, sie versteckte sich und mied jeden Kontakt zu ihren Menschen. Nach dieser Anfangsphase begann der Hund zu vokalisieren, als ob sie Schmerzen hat. Sie war bei Bewusstsein und ansprechbar, verweigerte allerdings das Fressen und Trinken. Gelegentlich entstand der Eindruck, dass sie unter Übelkeit litt was sich in übermäßigem Speichelfluss, häufiges Schlucken, Schmatzen oder Erbrechen darstellte.

Die Dauer der Vokalisation betrug 2 bis 4 Stunden und es steigerte sich bis zu 3 Tagen. Die Häufigkeit des Auftretens war zu Beginn ein- bis zweimal im Jahr und steigerte sich bis zu ein- bis zweimal pro Monat.

Nach der Vokalisierungsphase blieb sie für 2 Tage sehr ruhig, bis sich ihr Zustand und ihr Verhalten wieder normalisierten.

Die Hundebesitzer konnten keinen spezifischen Auslöser für das anfallsartige Geschehen ausfindig machen. Die Anfälle konnten also zu jeder Tages- oder Nachtzeit auftreten, ohne dass man sie hätte verhindern können. Mehrere Tierärzte untersuchten die Hündin während eines Anfalls, konnten aber das Geschehen durch die Gabe unterschiedlichster Medikamente wie Opioide (Morphin, Methadon und durch  entzündungshemmende Medikamente (Carprofen, Meloxicam) nicht beeinflussen.

Sämtliche körperlichen und neurologischen Untersuchungen waren unauffällig. Ein durchgeführtes MRT war ohne Befund.

Mit dem Verdacht auf ein neuropathisches Schmerzsyndrom oder Kopfschmerzen wurde eine weitere medikamentöse  Therapie durchgeführt, die jedoch auch keine Verbesserung der klinischen Symptome zeigte.

Jetzt wurde eine Migräne ähnliche Störung vermutet und der Hund bekam ein entsprechendendes Medikament, was üblicherweise bei epileptischen Anfällen und Migräne eingesetzt wird und was das Leiden auch deutlich positiv beeinflusste. Die Anfälle dauerten nur noch 1 bis 3 Stunden und die Intensität war deutlich reduziert, der Hund jammerte nicht mehr, ging spazieren und nahm ganz normal Fressen und Trinken zu sich. Durch die Behandlung hat der Hund jetzt eine gute Lebensqualität, während die Besitzer zuvor die Lebensqualität ihres Tieres als schlecht eingeschätzt und eine Euthanasie in Erwägung gezogen hatten.

Der ungewöhnlich Fall der Cocker Hündin hat erstaunliche Ähnlichkeiten mit Migräneattacken bei Menschen. Es muss daher bei Hundehaltern und Tierärzten das Bewusstsein geschaffen werden, dass Migräne ähnliche Störungen auch bei Hunden auftreten und dass Medikamente zur Verfügung stehen, die für das Schmerzmanagement verwendet werden können.

Es gibt sicherlich noch viel Forschungsbedarf in diesem Zusammenhang, sodass hoffentlich Hunden, die unter primären Kopfschmerzen leiden, in Zukunft besser geholfen werden kann, vorausgesetzt, man erkennt sie auch als solche.

 

Sekundäre Kopfschmerzen

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