Siri, die App für den Schulunterricht

Sirivon Barbara P. Meister 

Dritter Schultag, ich bringe meinen Sohn zur Klasse. Da höre ich die Stimme einer Lehrerin im Gang: „Ich glaube, Siri will gestreichelt werden. Kannst du das bitte übernehmen?“ – Verdutzt schaue ich nach, wer da Streicheleinheiten bekommen soll, und sehe eine hübsche Mischlingshündin vor einem Klassenzimmer stehen. „Was macht denn der Hund in der Schule?“, frage ich nach und erfahre, dass Siri hier eine wichtige Funktion einnimmt: Sie ist die Schulhündin der Klasse 2b der Evangelischen Volksschule am Karlsplatz in Wien.

Siri ist mit ihren dreieinhalb Jahren schon erfahren, denn ihre Schullaufbahn begann im zarten Welpenalter. Wie andere Assistenzhunde hat Siri eine Ausbildung zum Therapiehund absolviert. Sie begleitete ihre Besitzerin schon von klein auf in den Unterricht, um früh mit der Umgebung und den vielen Menschen vertraut zu werden. Der von Anfang an ungezwungene Umgang mit dem Schulhundealltag macht sich heute bezahlt: Siri geht mit Freude in die Schule und wedelt fröhlich mit dem Schwanz, sobald sie das Schulgebäude betritt. Die Entscheidung, ob sie sich einem anstrengenden Schultag mit „ihren“ 22 Kindern stellen will oder die Ruhe zu Hause bevorzugt, trifft Siri meist selbst. So kann es sein, dass sie an mehreren Tagen hintereinander mit in den Unterricht kommt oder auch eine Woche ganz aussetzt. Siri ist eine sogenannte „Präsenzhündin“, die regelmäßig Zeit im Klassenraum und im Unterricht „ihrer“ Klasse verbringt und von der speziell für den pädagogischen Hundeeinsatz ausgebildeten Lehrerin eigenverantwortlich geführt wird.
„Zu den wichtigsten pädagogischen Zielsetzungen des Einsatzes von Präsenzhunden zählt ihr Beitrag zur Verbesserung des sozialen Gefüges in der Klasse, der SchülerIn-LehrerIn-Beziehung, des Klassenklimas und der individuellen sozialen Kompetenz der SchülerInnen“ (bm:ukk, 2012, S. 7).

 

Ein Hund in der Schule – was bringt’s?

Kinder und Erwachsene sind auf soziale Beziehungen, Berührung und Kommunikation angewiesen. Mit Hunden können soziale Lernprozesse gefördert und unterstützt werden – bei nahezu jedem Menschen spricht das soziale Wesen Hund wichtige Kompetenzen an, wie Kommunikationsfähigkeit, Kooperationsbereitschaft, Verbundenheit, Selbstvertrauen und Selbstbeherrschung wie auch Geduld, Rücksichtnahme, Erkennen und Akzeptieren von Grenzen.

  • Für Kinder und Jugendliche sind Hunde sozial ausgerichtete Interaktionspartner, die ihnen positiv zugewandt sind, wenn sie von Anfang an eine vertrauensvolle Beziehung zum Tier aufbauen können. Hunde reagieren direkt, ehrlich und überschaubar, wenn ihre Körpersprache und Kommunikation verstanden wird. Voraussetzung dafür ist, dass Kinder einen achtsamen und respektvollen Umgang mit Tieren erlernt haben. Als Vorbild im Schulalltag ist zum Beispiel eine sichtbare, wertschätzende Interaktion zwischen der Lehrperson und ihrem Hund wichtig.
  • Kinder erleben im Umgang mit dem Hund und in seiner Reaktion eine natürliche Bestätigung beziehungsweise Korrektur ihres sozialen Handelns – durch die unmittelbare Spiegelung ihres Verhaltens. In entspannter Atmosphäre entwickeln und verfeinern die Schüler soziale Handlungsweisen. Untersuchungen zeigen, dass Kinder mit bewusst gestaltetem Tierkontakt – im Vergleich mit Gleichaltrigen ohne „tierischen Ansprechpartner“ – gesteigerte Sozialintegration und Kontaktbereitschaft zeigen.
  • Kinder und Jugendliche schätzen Hunde als positiv besetzte Interaktionspartner. Es fällt ihnen oft leichter, schwierige Themen oder Gefühle über den „Mittler/Transmitter“ Tier unverbindlich zu beschreiben.
  • Berührungen haben eine entspannende und verbindende Wirkung auf Mensch und Tier und kommen dem Bedürfnis nach Zärtlichkeit und Wärme entgegen. Auch Siris Besitzerin kann bestätigen, dass sich meist schon allein die Anwesenheit der Hündin beruhigend auf die Schüler auswirkt.
  • Durch den Umgang mit Tieren werden das soziale Bewusstsein und die soziale Verantwortung gegenüber der Natur im Sinne des Tier- und Umweltschutzes gesteigert.
  • Unfallrisiken im öffentlichen Raum, insbesondere mit Hunden, können verringert werden, weil die Kinder zum Beispiel gelernt haben, sich Hunden respektvoll zu nähern.

Auch Klassen, die keinen „eigenen“ Schulhund haben, müssen in Österreich nicht auf hundegestützten Unterricht verzichten. Der Verein „Schulhund.at“ bietet Schulen die Möglichkeit, ausgebildete Schulhundeteams zu buchen. Ziel des Unterrichts mit diesen „Besuchshunden“ ist es, zu einer Sensibilisierung für richtiges Verhalten gegenüber Hunden zu führen, damit den respektvollen Umgang mit Mensch und Tier und ein konfliktfreies Zusammenleben zu fördern.

Hundegestützte Pädagogik ist in Österreich nichts Neues. Schon 2003 untersuchten die österreichischen Verhaltensforscher Kurt Kotrschal und Brita Ortbauer in ihrer Studie „Behavioural effects of the presence of a dog in the classroom“ den Einfluss von Schulhunden auf das Sozialverhalten der Schüler. Das Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur (bm:ukk) unterstützt das Engagement von Schulen und Lehrern für hundegestützte Pädagogik. Als erstes europäisches Land konnte Österreich bereits 2012 einen Leitfaden des Unterrichtsministeriums mit dem Titel „Hunde in der Schule“ vorzeigen. In dieser Handreichung werden alle relevanten Themen behandelt – von der Ausbildung des Mensch-Hund-Teams über Versicherung bis zum zielführenden Einsatz im Unterricht.

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