Mykotherapie in der Tierheilkunde

 

Bitte nicht wundern, wenn im folgenden Artikel in einigen Abschnitten auf Pferde Bezug genommen wird! Der weitaus größte Teil des Inhalts ist allgemein gehalten und somit sicher auch für Hundehalter von Interesse. Zur Verfügung gestellt wurde uns der Text von „Feine Hilfen“, dem Bookazin für den verantwortungsvollen Umgang mit dem Pferd. Hier erklären anerkannte Pferdefachleute sämtliche Elemente der klassischen Ausbildung präzise und leicht verständlich. Jede Ausgabe widmet sich einem Schwerpunktthema rund um die klassische Dressur und bietet außerdem Spannendes zu den Themen Medizin, Fütterung oder Verhaltensforschung.

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Pilze für Pferde? Mykotherapie in der Tierheilkunde

Von Manfred Huber

Pilze gehören von jeher zu den geheimnisvollsten Wesen dieser Erde. Nicht Tier und nicht Pflanze, bilden sie eine eigene Spezies. Vielen ist nicht bewusst, dass Pilze bis zu 25 Prozent der Biomasse unserer Erde ausmachen. Sie wachsen an den unterschiedlichsten Stellen, unter unterschiedlichsten Bedingungen und nehmen die unterschiedlichsten Formen an. Sie sind natürliche und sehr resistente „Recycler“. Es gibt geschätzt circa 1500000 Arten, wovon etwa 700 essbar sind, jedoch nur 50 giftig. Bekannt und erforscht sind nur weniger als zehn Prozent aller Pilze.

Pilze – Grundlage vieler bekannter Arzneimittel Pilze bildeten und bilden die Grundlage für die Entwicklung sehr bedeutsamer Medikamente. Allen voran und wahrscheinlich das bekannteste Medikament ist Penicillin. Aber auch Krestin und Lentinan sind aus der Krebstherapie nicht mehr wegzudenken und basieren auf Pilzen.

In der westlichen Welt ist kaum bekannt, dass Pilze ein sehr beachtliches Spektrum an Wirkstoffen besitzen. Da haben die Chinesen und deren Traditionelle Chinesische Medizin (TCM oder TCVM) einen bedeutenden Vorsprung an Erfahrung und Wissen, was die teils verblüffenden Therapieerfolge bei den verschiedensten Krankheiten mit den sogenannten Vital- oder Medizinalpilzen angeht. Erst in den letzten zwei Jahrzehnten haben sich die Vitalpilze auch in der westlichen Naturheilkunde einen festen Platz erobert und so wurden neue Anwendungsgebiete aufgezeigt. Dennoch haben Medizinalpilze in Europa noch ein immenses Entwicklungspotenzial: Hierzulande benutzen beispielsweise nur ein Drittel der Krebspatienten alternative Heilverfahren und dabei in erster Linie Phytotherapie (Kräuter), Homöopathie und Vitamine. Dies sieht in Asien ganz anders aus. Dort setzen drei Viertel alternative Heilverfahren neben der Schulmedizin ein, davon wieder zwei Drittel und in Japan sogar über 90 Prozent an erster Stelle Medizinalpilze!

Pilze als Medizin?

Medizinalpilze sind keine „Wundermittel“ oder „Glückspilze“, wie schon in einschlägigen Printmedien zu lesen war. Sie stellen eine ernst zu nehmende alternative Heilmethode für die verschiedensten Pathologien dar. Sie besitzen nachweisbare und mittlerweile gut erforschte Wirkstoffe, die einen wertvollen Beitrag zur Gesunderhaltung und Genesung von Mensch und Tier leisten können. Die Wirkung der Medizinalpilze kann als ganzheitlich bezeichnet werden. Sie unterdrücken nicht nur die Symptome einer Pathologie, sondern packen das Übel sozusagen an der Wurzel, da sie die Ursache einer Krankheit bekämpfen. Das Ziel der Mykotherapie ist nicht der schnelle, sichtbare Erfolg, sondern die Erhaltung beziehungsweise Wiederherstellung der Gesundheit, der sogenannten Homöostase. Das Wort wird vielen unter Ihnen nicht unbekannt sein. Unter Homöostase versteht man das Gleichgewicht sämtlicher im Körper ablaufender Prozesse, wie zum Beispiel ein Immunzellengleichgewicht, ein ausgeglichener Enzym-, Hormon-, Wasser-, Elektrolyt-, Mineralstoff- und Spurenelementhaushalt. Frei nach dem Grundsatz, dass ein Organismus ein Organismus ist und es zwischen dem Organismus von Mensch und Tier kaum wesentliche Unterschiede gibt, haben sich in letzter Zeit auch einige Tierärzte und Tierheilpraktiker ein „mykotherapeutisches“ Wissen angeeignet. Zu diesem Grundwissen kommen nun immer mehr teils sehr erstaunliche Erfahrungen hinzu, was die Behandlung verschiedenster Krankheiten von Tieren angeht.

Erfahrungen mit Medizinalpilzen

Somit gibt es auch endlich einen Umkehreffekt zum Thema „Tierversuche“ – hier diente der Mensch als Versuchsobjekt, bevor auch unseren Tieren diese Therapieform zugute kam. Mit der Mykotherapie können Tiere bei den verschiedensten Erkrankungen wie bakteriellen, fungiziden und viralen Pathologien sehr wirkungsvoll unterstützt werden. Aber auch in der Tumortherapie, bei Autoimmunkrankheiten und bei metabolischen Entgleisungen kann der Einsatz von Medizinalpilzen beachtliche Erfolge erzielen. Dass Pilze mehr sein können als nur eine schmackhafte Beilage, ist für uns Europäer noch recht ungewohnt. Dabei hat schon Paracelsus in seinem „Buch vom langen Leben“ Waldpilze als Mittel gegen Würmer verordnet, und der Gletschermann „Ötzi“ trug einen Medizinalpilz als „Rucksackapotheke“ bei sich. Pilze wurden also schon in der ausgehenden Jungsteinzeit als Arzneimittel verwendet. Trotzdem konnten sich die Pilze in unseren Gefilden nicht in der Naturheilkunde halten. Erst in den letzten Jahren nehmen auch wieder europäische Forscher diese Mittel zur Kenntnis und bestätigen ihre Wirksamkeit. Ausschlaggebend dafür sind die enormen dokumentierten Heilerfolge, die in asiatischen Ländern mit Medizinalpilzen und Produkten aus diesen erzielt werden konnten. Bei uns wurde bis vor einigen Jahren nur Penicillin verwendet, welches bekanntlich aus Schimmelpilzen hergestellt wird. Allmählich gelangen nun auch die Großpilze aus ihrem Schattendasein ins Rampenlicht. Seit einem wissenschaftlichen Kongress, der 1974 in Tokio stattfand, beginnt die Mykotherapie in Europa langsam Fuß zu fassen. Viele weitere internationale Veranstaltungen haben dazu beigetragen, dass die Mykotherapie nicht mehr den Charakter einer Außenseitermedizin besitzt, sondern zu einer der vielversprechendsten und wissenschaftlich am besten fundierten Naturheilmethoden avanciert, die derzeit verfügbar ist. In meiner langjährigen Erfahrung als TCVM- und Mykotherapeut für Tiere konnte ich schon so viele positive Erfahrungen sammeln, dass aus der Mykotherapie längst eine Leidenschaft wurde, und nichts liegt mir mehr am Herzen, als diese wunderbare Therapieform möglichst vielen Tierhaltern näherzubringen und somit kranken Tieren eine zusätzliche Chance auf Gesundheit zu eröffnen.

Was macht Medizinalpilze so außergewöhnlich?

Der Schlüsselbegriff für das Thema Medizinalpilze ist „Beta-D-Glucane“. Diese sind maßgeblich verantwortlich für die heilenden Wirkungen der Medizinalpilze. Trotz der nach Chemie anmutenden Bezeichnung handelt es sich um absolut natürliche Substanzen, nämlich um spezielle Formen von langkettigen Kohlehydraten, die in Medizinalpilzen in besonders hoher Konzentration vorkommen. Sie stellen eine Unterform der „Polysaccharide “ dar. Da denkt der ein oder andere an Zucker. Zucker ist doch was Schädliches. Genauso wie Zuckermoleküle nicht zwangsläufig süß schmecken müssen, haben Beta-D-Glucane kaum Gemeinsamkeiten mit dem landläufig bekannten Zucker. Vielmehr sind diese Stoffe in der Lage, das Immunsystem auf äußerst effiziente Weise zu stärken. Wegen dieser Wirkung werden beispielsweise in den USA Produkte mit Glucanen zur unter­stützenden Behandlung von Aids-Patienten eingesetzt. Beta-D-Glucane bewirken zum Beispiel einen starken Anstieg der Zellaktivität gegen Tumorzellen. (In Japan sind bestimmte Beta-Glucane und deren natürliche Träger, also Heilpilze, bereits offiziell als Antikrebsmittel zugelassen.) Die in Pilzen gefundenen 1-3- und 1-6-Beta-D-Glucane aktivieren Monozyten, Makrophagen und Granulozyten, die zu den weißen Blutkörperchen gehören und als „Fresszellen“ Bakterien und Gewebetrümmer unschädlich machen. Durch die Anregung des Immunsystems wird im Körper verstärkt Interleukin-1 produziert, welches Viren unschädlich macht und auch gegen Krebszellen aktiv ist. Insgesamt wird der Körper durch die Gabe von Beta-Glucanen widerstandfähiger gegen Infektionen, Stress und Zellentartungen, indem ganz unterschiedliche Komponenten des Immunsystems angeregt werden. Auch versteckte Infektionen und chronische Pathologien lassen sich so besser bekämpfen. Aber Medizinalpilze enthalten neben den Beta-D-Glucanen noch eine Menge weiterer sekundärer Pflanzenstoffe, wie Triterpene (zyklische Kohlenwasserstoffe), Polyphenole, Glykoproteine, Sterole und Lektine, die antikarzinogen, antiviral, antibakeriell, fungizid und antioxidativ wirken. All diese Komponenten machen aus den Medizinalpilzen sogenannte „biological response modifiers“ und können unspezifische als auch spezifische Abwehrmechanismen regulativ beeinflussen und modulieren. Sie sind Adaptogene, die  sich auf bestimmte Vorgänge im Körper einstellen können. So kann zum Beispiel der gleiche Medizinalpilz zur Stärkung des Immunsystems einsetzt werden und hat aber gleichzeitig die Fähigkeit, modulierend bei einer Allergie, also einer Überreaktion des Immunsystems, zu wirken.

Welches sind die wichtigsten Medizinalpilze?

Mu-Err-Pilze

Es sind weit über 100 Medizinalpilze bekannt, jedoch kommt man in der Mykotherapie mit weniger als 20 Medizinalpilzen aus. In meiner Praxis verwende ich hauptsächlich folgende Pilze:

–    Agaricus blazei Murrill (ABM, Mandelpilz, Sonnenpilz)

–    Reishi (Ling Zhi, Ganoderma lucidum, Glänzender Lackporling)

–    Cordyceps sinensis (Dong Chong Xia Cao, Raupenpilz)

–    Coprinus comatus (Schopftintling, Spargelpilz)

–    Coriolus versicolor (Schmetterlingstramete)

–    Hericium erinaceus (Hou Tou Gu, Igelstachelbart)

–    Auricularia polytricha (Mu-Err, Judasohr, Chinesische Morchel)

–    Lenitula edodes (Shiitake, Xiang Gu, Kastanienpilz)

–    Grifola frondosa (Maitake, Hui Shu Hua, Klapperschwamm)

–    Polyporus umbellatus (Grifola umbellata, Zhu Ling, Eichhase)

–    Inonotus obliquus (Tschaga, Chaga, Bai Hua Rong)

 

Wofür können die einzelnen Medizinalpilze eingesetzt werden?

Es gibt die unterschiedlichsten Anwendungsgebiete für Medizinalpilze in der Veterinärheilkunde. Hier möchte ich einige davon vorstellen. Die Liste der Anwendungsmöglichkeiten kann fast beliebig erweitert werden. Achtung: Die nachfolgende Aufstellung sollte kein „Rezeptbuch“ darstellen. Auch wenn die Mykotherapie keine tausend verschiedenen Stoffe umfasst, so sollte sie doch von einem erfahrenen Therapeuten begleitet werden. Von Selbstversuchen ohne Rücksprache mit einem in der Therapie erfahrenen Mykotherapeuten rate ich dringend ab! Solche finden Sie auch bei der GfV Gesellschaft für Vitalpilzkunde e. V. (www.vitalpilze.de). Die Dosierungen und Kombinationen sind immer auf den individuellen Einsatz abzustimmen. Dabei spielen Tierart, Rasse, Alter, Allgemeinzustand, die Erkrankung, schulmedizinische Medikamente, aktuelle Entwicklung, Geschlecht und die psychische Verfassung eine wesentliche Rolle. Oftmals sind einzig die Kombinationen und deren Dosierungen für den Therapieerfolg ausschlaggebend. Nur so können optimale Therapieerfolge erzielt werden. Von Komplexmitteln, wie teilweise im Internet angeboten werden, rate ich aus den oben genannten Gründen gleichfalls dringend ab. Fünf der zuvor angeführten Pilze sollen hier vorgestellt werden, um einen kleinen Einblick in das Wirkungsspektrum der Medizinalpilze zu geben:

Agaricus blazei Murrill: Er ist ein Verwandter unseres hiesigen Speisechampignons und kommt in den Urwäldern von Brasilien vor – die große Ausnahme unter den Vitalpilzen, die sonst aus Ostasien stammen. Seinen Namen erhielt er von seinem Entdecker, dem amerikanischen Mykologen W. A. Murill im Jahr 1944. Seinen deutschen Namen „Mandelpilz“ verdankt er seinem ausgeprägten Geschmack nach Mandeln. Der ABM wird vor allem bei der Bekämpfung von Tumoren unterschiedlicher Art (zum Beispiel equine Sarkoide, Melanome), Fell- und Hauterkrankungen (Sommerekzem), Auto­immunerkrankungen, wie zum Beispiel Mondblindheit, zur Stärkung und Modulation des Immunsystems eingesetzt. Ich habe selbst sehr gute Ergebnisse bei Ekzemern und sonstigen Allergikern erreicht. Auch bei Herzinsuffizienzen kann der ABM eingesetzt werden.

Reishi/Ling Zhi: Seit mehr als 4000 Jahren schätzt man diesen Pilz als das wirksamste und vielseitigste sanfte Heilmittel überhaupt. Vermutlich geht der Gebrauch bis in prähistorische Zeiten zurück. Das Wort Ling Zhi lässt sich mit etwa „Göttlicher Pilz der Unsterblichkeit“ übersetzen. In alten asiatischen Kräuterbüchern steht der Ling Zhi auch an erster Stelle der 120 begehrtesten Heilkräuter überhaupt, und dies noch vor dem im Westen bekannteren Ginseng. Yin und Yang sind im Ling Zhi perfekt ausbalanciert – so erklären viele Chinesen seine vielfältige Wirkung bei Krankheiten. Ich setze den Ling Zhi (Reishi ist sein japanischer Name) vor allem bei Allergien, Fell- und Hauterkrankungen, Störungen des Metabolismus (zum Beispiel EMS, Cushing), Störungen des Immunsystems, zum Stressabbau, zur Leberentgiftung, Krebstherapie und bei Erkrankungen des Bewegungsapparats ein. Auch bei Hufrehe kann er hervorragende Dienste leisten.

Cordyceps sinensis: Dieser Pilz stammt wahrscheinlich ursprünglich aus Tibet, wo er auf den 3000 bis 5000 Meter hoch gelegenen Graslandschaften wächst. Seine Nahrung ist außergewöhnlich: Der Pilz befällt die Larven einer bestimmten Raupenart (daher auch sein deutscher Name „Raupenpilz“), tötet diese ab und benutzt das getötete Tier als Nahrungsquelle. Dies geschieht unterirdisch. Er treibt dann einen fingerförmigen Fruchtkörper aus. Nach chinesischen Überlieferungen wurden zuerst Yak-Hirten auf den Pilz aufmerksam, der den Yaks eine außergewöhnliche Resistenz und im Frühjahr einen gleichermaßen außergewöhnlichen Sexualtrieb beschied. Da das natürliche Vorkommen der stetig steigenden Nachfrage nicht mehr standhalten konnte, wird der Cordyceps heute kultiviert. Genauer gesagt wird dessen Myzel kultiviert, welches mehr wertvolle Wirkstoffe liefert als dessen Fruchtkörper. Ich schätze den Pilz besonders in der Therapie von RAO/RAD (ehemals COPD) und von sonstigen Krankheiten der Lunge und Atemwege. Er wird weiterhin zur Leistungssteigerung, Entgiftung, bei bakteriellen Erkrankungen, Erkrankung der Niere (Niereninsuffizienz), Borreliose und zur Regulierung der Schilddrüsenfunktion eingesetzt. Er wirkt ausgleichend auf ängstliche und unruhige Pferde. Cave: Bei der Gabe von Cordyceps bei Sportpferden kann es zu positiven Ergebnissen bei Dopingtests kommen.

Coprinus comatus: In seinem Stadium als junger Pilz gilt der Coprinus als Delikatesse. Er erinnert im Geschmack wie auch im Aussehen an einen Spargel, was ihm hierzulande auch den Namen „Spargelpilz“ bescherte. Erst mit zunehmendem Alter rollt sich sein Hut glockig auf und sondert bei der Selbstauflösung eine tintenähnliche Flüssigkeit ab. Deswegen ist er bei Mykologen auch unter dem Namen „Schopftintling“ bekannt. Die Hauptwirkung von Coprinus liegt im Bereich der Blutzuckerregulation. Seine Wirkstoffe sensibilisieren die Körperzellen für die Insulinaufnahme, was eine Reduzierung des Blutglukosespiegels zur Folge hat. Diese Wirkstoffe schützen und aktivieren die Beta-Zellen im Pankreas, welche das Insulin produzieren. In der Summe hat dies einen hohen antidiabetischen Effekt. So kann man schon innerhalb einer Stunde nach Einnahme von Coprinus eine Blutzuckersenkung um bis zu 40 Prozent feststellen. Die Wirkung hält leicht absinkend bis zu neun Stunden an. Eine Gabe über einen längeren Zeitraum lässt die Senkungen immer länger anhalten. Der Coprinus ist also der Medizinalpilz, wenn es um die Behandlung des equinen metabolischen Syndroms geht. Ich konnte selbst schon spektakuläre Erfolge mit dem Einsatz von Coprinus bei EMS-Pferden sowie bei fütterungsbedingten Rehepferden erzielen. Weitere interessante Anwendungsgebiete sind seine Wirkungen gegen Bakterien, und dies sogar gegen resistente Staphylokokken, sowie seine antimykotischen Fähigkeiten (zum Beispiel Candida).

Coriolus versicolor: Während Pilzsammler hierzulande den nicht essbaren, lederartigen Pilz links liegen lassen, machen japanische und chinesische Pilzkundige Freudensprünge, denn sie wissen um die außergewöhnlichen Heilkräfte dieses Pilzes. Er enthält unter anderem hochwirksame Polysaccharide wie PSK (Polysaccharid Krestin) und PSP (Polysaccharidpeptid). Krestin zählt heute in den USA zu den führenden Krebsthera­peutika. Ich setze den Coriolus bei Pferden in erster Linie bei der Behandlung von Pilzerkrankungen aller Art, bakteriellen und viralen Erkrankungen (zum Beispiel Borna, Borreliose, Herpes) ein. Er steigert die Leistung der Leber und kann auch eine Wundheilung deutlich beschleunigen. Er ergänzt durch seine schleimreduzierende Wirkung die Therapie von Lungen- und Atemwegserkrankungen (besonders in Verbindung mit dem Cordyceps sinensis).

Hericium erinaceus: In China und Japan ist der Hericium erinaceus (auch Igelstachelbart oder Affenkopfpilz genannt) weit verbreitet und ein vorzüglicher Speisepilz, der auch hierzulande vorkommt. Seine medizinische Wirkung steht allerdings im Vordergrund. Laut einer Studie enthält der Hericium wasserlösliche Polysaccharide, die das Immunsystem stärken. Untersuchungen belegen dem Hericium-Extrakt eine sehr starke antimuta­gene Wirkung. Der Hericium ist der Medizinalpilz zur Behandlung von Magen- und Darmerkrankungen, wie zum Beispiel  Magenschleimhautentzündungen, Magengeschwüren, Verdauungsproblemen, Durchfall, Kotwasser etc. Ich setze ihn auch sehr erfolgreich bei der Behandlung von verschiedenen Fell- und Hautproble­matiken und zur Bekämpfung von Sarkomen ein. Er besitzt weiterhin regulierende Wirkung auf das vegetative Nervensystem.

Wie kommt der Pilz ins Pferd?

Es werden folgende Darreichungsformen für Medizinalpilze angeboten: Bei den verschiedenen Herstellern und Vertreibern von Medizinalpilzen findet man folgende Arten der Darreichung der Medizinalpilze: entweder als Pulver, Pulvertabletten, Pulverkapseln oder Extrakt (meist in Kapseln abgefüllt). Zwischen den einzelnen Formen, Pulver oder Extrakt, gibt es wesentliche Unterschiede. Das Pulver wird aus dem gesamten Pilz, also Fruchtkörper (der Teil, der aus dem Boden ragt) und Myzel, also der Wurzel, die sich unterirdisch befindet, gewonnen. Hierzu wird der gesamte Pilz getrocknet und zu Pulver zerrieben. Das Extrakt wird hingegen ausschließlich aus dem Myzel gewonnen. Hierbei wird aus dem zerriebenen Pulver des Myzels ein Heißwasserauszug gemacht. Aus dem Überstand werden die Wirkstoffe in konzentrierter Form ausgefällt. Die Konzentration der Wirkstoffe wird im Vergleich zum Pilzpulver bis auf das 20-Fache erhöht. Grundsätzlich eignen sich alle angebotenen Formen zur Therapie von Pferden. Es gibt viele Debatten darüber, welche Form bei welcher Krankheit eingesetzt werden soll. Fest steht, dass wissenschaftliche Untersuchungen ausschließlich mit Extrakten durchgeführt wurden. In meiner Praxis habe ich die Erfahrung gemacht, dass Extrakte eher bei schon bestehenden akuten und chronischen Pathologien einzusetzen sind, während Pilzpulver sich eher zur ganzheitlichen Krankheitsvorbeugung und Nachbehandlung beziehungsweise Stabilisierung der Homöostase eignet. Ein weiterer Vorteil bei der Verwendung von Extrakten besteht darin, dass die Menge, die gegeben werden muss, wesentlich geringer ist als dies bei Pilzpulver der Fall ist, um den gleichen Effekt zu erzielen. Dies steigert die Akzeptanz im Futtertrog. Pferde reagieren außergewöhnlich gut auf Medizinalpilze, und so liegt die Dosierung oftmals unter der, die für den Menschen angeraten wird. Erfahrungsgemäß fressen die Pferde die Kapseln anstandslos mit ihrer täglichen Ration. Im Bedarfsfall können die Kapseln jedoch auch in ein Stück Apfel, Banane oder Karotte gepackt werden. Man kann die Kapseln auch öffnen und das Extraktpulver direkt über das Kraftfutter geben. Dabei besteht allerdings die Gefahr, dass nicht die gesamte Menge dem Organismus zugeführt wird.

Fazit

Zum Schluss möchte ich mir noch ein paar persönliche Worte erlauben. Wenn ich in meiner täglichen Praxis zu meinen tierischen Patienten komme, bin ich oftmals mehr als erstaunt darüber, wie viele Mittelchen da in den Stallgassen und Futterkammern der Ställe zu finden sind. Pferde stehen oft tagelang in Boxen, bekommen Raufutter (Heu) nur zu bestimmten Zeiten in meist viel zu geringen Mengen und schlechter Qualität, stehen auf Spänen oder Gummimatten anstatt auf Stroh und werden mit irgendwelchen von findigen Futtermittelherstellern formulierten Wundermüslis oder Pellets vollgestopft. Da werden Hunderte von Euros in Decken und Bandagen in den jeweiligen Trendfarben des Jahres investiert, für eine jährliche Zahnkontrolle ist dann aber kein Geld mehr da. Merke: 70 Prozent des Qi (Energie) wird über die Nahrung aufgenommen. 80 Prozent meiner Patienten sind aufgrund von menschlichem Unverständnis und Unkenntnis, meist durch falsche, nicht artgerechte Haltung und Fütterung erst zu Patienten geworden. Ständig erscheinen neue Pathologien, und dies in einer Geschwindigkeit, dass veterinärmedizinische Fakultäten über die meisten noch gar nicht lehren beziehungsweise deren Existenz einfach unter den Tisch kehren, da sie noch nicht erforscht sind. Ein bekanntes Bespiel dafür ist die Existenz von Diabetes beim Pferd. Auch Tierheilpraktiker oder TCVM-Therapeuten sind keine Wunderheiler, und Medizinalpilze sind trotz ihrer teilweise verblüffenden Wirkungsweisen keine Wundermittel. Zu einer erfolgreichen Therapie gehört oftmals auch Unbequemes, wie zum Beispiel Änderung der Haltungsform, Änderung der Fütterung, Änderung der Reitweise etc. Wenn der Halter nicht bereit ist, diese „Unbequemlichkeiten“ zu akzeptieren, seinen gesunden Menschenverstand zu benutzen und das Wohl des Tieres im Fokus zu haben, kann die beste Therapieform nur ein zeitweises Übertünchen von Krankheiten sein, hat aber nichts mit ganzheitlicher Heilung zu tun. Da helfen auch keine Pilze, zumindest nicht dem Tier. <

 

Manfred Huber

… ist mit Tieren aufgewachsen und war schon früh von dem Wunsch beseelt, Tieren zu helfen. Seit seiner Ausbildung in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) arbeitet der Tierheilpraktiker und Akupunktur-Therapeut mit dem Schwerpunkt seiner Leidenschaft: der Traditionellen Chinesischen Veterinärmedizin. Der 49-jährige behandelt mit dieser Methode sowohl Groß- wie auch Kleintiere. Der Einsatz von Pilzen spielt in der VTCM eine große Rolle, daher absolvierte Manfred Huber eine zusätzliche Ausbildung im Bereich der Mykotherapie. In Deutschland ist der Einsatz der Medizinalpilze noch längst nicht so weit verbreitet wie in Asien – als Mitglied der Gesellschaft für Vitalpilzkunde trägt der in Breisach lebende Therapeut dazu bei, dass das Wissen um diesen Bereich auch hierzulande Verbreitung findet.