Hilfe, mein Hund beißt!

Umgang mit Aggressionsverhalten gegenüber Menschen

Von Ulrike Seumel

++++ Diesen Artikel finden Sie in der SPF Ausgabe 29 +++

 

Was ist Aggression?

Aggressionsverhalten gehört zum natürlichen Hundeverhalten dazu und hat eine Funktion. In der Theorie wird zwischen defensiver und offensiver Aggression unterschieden. Bei defensiver Aggression schützt sich der Hund selbst, wenn er sich bedroht fühlt. Bei offensiver Aggression schützt der Hund eine für ihn wichtige Ressource, die von jemandem oder etwas bedroht wird. In der Theorie lassen sich defensive und offensive Aggression einfach trennen, aber im echten Leben können beide zusammen auftreten und sind nicht immer klar voneinander zu unterscheiden. Das Ziel von Aggressionsverhalten ist immer, dass die Bedrohung verschwindet. Ein ängstlicher Hund möchte aus der Situation fliehen und damit Distanz aufbauen. Ein Hund, der aggressiv reagiert, möchte die Bedrohung vertreiben – die Bedrohung soll Distanz zum Hund aufbauen. Auch das lässt sich nur in der Theorie immer klar trennen.

Ein Hund, der zum Beispiel gern auf dem Sofa liegt und diesen Platz verteidigt, wenn ein Mensch kommt, zeigt offensive Aggression. Er schützt seine Ressource, seinen Schlaf- und Rückzugsplatz. Wenn dieser Hund aber in der Vergangenheit erfahren musste, dass Menschen ihn vom Sofa schubsen oder mit ihm schimpfen, wenn er dort liegt, könnte er gleichzeitig auch defensive Aggression zeigen, weil er sich auf dem Sofa von Menschen bedroht fühlt und sich selbst schützen möchte.

Was ein Hund als bedrohlich und unangenehm empfindet, entscheidet sich im Gehirn des Hundes selbst.

Aggression ist keine Krankheit. Sie wird nicht geheilt und ist dann verschwunden. Die Aufgabe von uns Menschen ist es, Aggressionsverhalten bei Hunden nicht eskalieren zu lassen und dafür zu sorgen, dass sie sich sicher fühlen und andere Strategien erlernen, wenn sie sich doch bedroht fühlen.

Ich halte es für unmöglich, ein Hundeleben zu schaffen, in dem für einen Hund keine Bedrohungen existieren, denn nicht alles liegt immer in unserer eigenen Hand. Wichtiger ist es, dass ich Angst und auch Aggression bei meinem Hund erkenne und mit meinem Hund an diesen Auslösern und Situationen arbeite.

Aggression ist weder schlecht noch böse, und Angst auf der anderen Seite ist nicht besser oder schlechter. Was genau in dem Gehirn des Hundes vorgeht und welche Emotionen aktiviert sind, können wir von außen immer nur interpretieren. Eine Verurteilung von aggressiven Hunden ist deshalb vorschnell. Aggression ist nur eine Strategie, mit einer Bedrohung umzugehen. Welche Strategie ein Hund wählt, hängt von seinen vorherigen Lernerfahrungen und von seinem Erregungsniveau ab. Hunde, die schneller frustriert und damit hoch erregt sind, zeigen oft auch schneller Aggressionsverhalten. Die Fähigkeit, mit Frustration umzugehen, hängt zu einem Teil auch von der Persönlichkeit ab.

 

Woran du Aggressionsverhalten erkennen kannst

Aggressionsverhalten bei Hunden bringen wir sofort mit Beißen, (Ab-)Schnappen und Knurren in Verbindung. Der Hund möchte damit die Bedrohung auf Abstand halten und vertreiben. Aggressionsverhalten beginnt nicht beim Knurren. Leider bemerken wir aber oft erst beim Knurren, dass etwas nicht stimmt.

Oft unterschätzt oder nicht gesehen wird der harte Blick. Dabei vergrößern sich die Augen des Hundes, und die Muskulatur des Gesichts erstarrt.

Generell zeigen Hunde, die aggressiv reagieren, immer weniger Seitwärtsbewegungen. Die Wirbelsäule wird gerade und der Muskeltonus steigt am ganzen Körper. Aggressionsverhalten ist sozusagen mit einer großen Anspannung beim Hund verbunden, was sich auch im Körper und in der Muskulatur äußert. Du solltest dir merken: Je weniger Bewegung du im Hundekörper siehst, desto bedrohlicher ist die Situation.

Wenn ein Hund aggressiv reagiert, zeigt er auch Stresssymptome. Die Stressreaktion findet autonom im Gehirn und Körper des Hundes statt. Bewusst kann er diese körperlichen Reaktionen nicht steuern.

 

Stresssymptome kannst du bei deinem Hund erkennen, wenn bei deinem Hund

  • die Pupillen erweitert sind.
  • mehr Weiß in den Augen zu sehen ist.
  • die Tasthaare stärker von der Schnauze abstehen.
  • die Muskulatur um die Augen und/oder um das Maul herum angespannt ist.
  • die Zunge (aufgerollte Ränder) angespannt ist.
  • sich der Herzschlag beschleunigt.
  • die Atmung flach und schnell wird.
  • die Atmung kurz anhält.
  • Hecheln mit stark zurückgezogene Lefzenwinkel (sogenanntes Stressgesicht) auftritt.
  • plötzlicher Haarausfall und/oder Schuppenbildung auftritt.
  • sich die Rückenhaare aufrichten.
  • sich der Speichelfluss verstärkt oder verändert.

 

Zu den wichtigsten Fähigkeiten, die du als Hundehalter/-in haben musst, gehört, dass du Aggressionsverhalten frühzeitig erkennen kannst.

 

Frühwarnzeichen für Aggression

  • Erstarren/Einfrieren
  • Harter Blick
  • Wenig Seitwärtsbewegung
  • Gerade Wirbelsäule
  • Hoher Muskeltonus
  • Hund versucht sich immer wieder der Situation zu entziehen.
  • Hund zeigt vermehrt Stresssymptome.

 

Je weniger Bewegung im Hundekörper zu sehen ist, umso bedrohlicher ist die Situation.

 

 

Was verstärkt aggressives Verhalten?

 

Stress

Stress sorgt beim Hund für eine gesteigerte Reaktivität. Reaktivität beschreibt, wie schnell ein Hund auf verschiedene Auslöser, besonders bedrohliche Auslöser, reagiert. Der Hund reagiert unter Stress schneller oder intensiver als gewöhnlich auf diese Auslöser. Stress ist damit ein Faktor, der das Auftreten von Aggressionsverhalten wahrscheinlicher macht. Hält dein Hund das Putzen seiner Pfoten im Normalfall gut aus, kann er an einem schlechten Tag mit viel Stress beginnen zu knurren.

Deshalb ist es wichtig, dass du stressige Situationen für deinen Hund erkennst und mit ihm trainierst, dass er diese besser und vor allem entspannter bewältigen kann.

Da sich Stress oft im Alltag summiert, solltest du das Stresslevel deines Hundes im Blick behalten. Hunde, die Aggressionsverhalten zeigen, haben oft noch andere Baustellen. Wenn du gerade versuchst, deinem Hund das lockere Gehen an der Leine beizubringen, keine Rehe zu jagen und einfach so an fremden Hund vorbeizugehen, dann ist der Alltag deines Hundes schnell voll mit stressigen Momenten.

Achte auf ausreichend Erholung zwischen den Trainingseinheiten und darauf, deinen Hund nicht zu überlasten. Wenn es dir schwerfällt einzuschätzen, wann es für deinen Hund zu viel ist, dann hole dir Unterstützung von einem/einer kompetenten Hundetrainer/-in deines Vertrauens.

Und schreibe dir eine Prioritätenliste: Welche Verhaltensbaustelle möchtest du als Erstes bearbeiten und mehr Aufmerksamkeit schenken?

 

Konflikte

Mit Konflikten meine ich keine Auseinandersetzungen mit anderen Hunden oder mit Menschen. Ich meine damit innere Konflikte, also Motivations- oder Interessenkonflikte, in denen sich dein Hund befinden kann. Unlösbare und schwere Konflikte steigern immer das Erregungsniveau deines Hundes. Das ist keine angenehme Erregung und kann dafür sorgen, dass dein Hund in diesem Moment Angst- oder Aggressionsverhalten zeigt. Konflikte sind anstrengend und sie stressen, wenn der Hund keine Lösung findet. Deshalb solltest du deinen Hund beobachten und ihm helfen, wenn er keine Lösung finden kann.

Bei einem Motivationskonflikt hat das Gehirn des Hundes noch keine Entscheidung getroffen. Es schwankt zwischen zwei Verhaltensreaktionen, die nicht gleichzeitig möglich sind.

Bei Interessenkonflikten dreht es sich oft um Ressourcen, die dem Hund wichtig sind. Oft sind Interessenkonflikte mit Motivationskonflikten vermischt.

Wichtig ist, dass du Konfliktreaktionen bei deinem Hund erkennst und seine Körpersprache deuten kannst. Dann kannst du entscheiden, ob du eingreifen und deinen Hund unterstützen musst.

Einen Konflikt beim Hund erkennst du an:

  • Züngeln
  • Intensives Gähnen
  • Aufstellen der Rückenhaare
  • Einfrieren

 

 

Schmerz und gesundheitliche Probleme

Gesundheitliche Probleme und Schmerzen sorgen für Stress, wenn sie nicht erkannt werden. Unerkannt steht der Hund unter Dauerstress, was dazu führt, dass der Hund schneller Aggressionsverhalten zeigt. Beim plötzlichen Auftreten von Aggressionsverhalten solltest du deshalb deinen Hund gründlich von dem Tierarzt/der Tierärztin deines Vertrauens untersuchen lassen.

Bei älteren Hunden sollte auch immer an das Nachlassen von Sinnesorganen gedacht werden.

 

Frustration und hohe Erregung

Frustration wird oft als „Reihenhauspartnerin“ des Aggressionsverhaltens beschrieben. Nur hat dieses Reihenhaus sehr dünne Wände. Frustration wird immer ausgelöst, wenn ein Bedürfnis gehemmt wird. Dein Hund möchte schnell laufen, aber die Leine hält ihn auf. Die Autofahrer/in möchte schnell nach Hause und sie steht im Stau. Frustration sorgt für hohe Erregung, die schnell Aggressionsverhalten auslöst. Dein Hund regt sich dann schneller über andere Hunde auf und die Autofahrer/in über zu langsame Mitmenschen.

Die gespannte Leine wird damit oft zum Auslöser von hoher Erregung, weil sie immer wieder mit aufregenden Situationen, Frustration und Stress verknüpft wird. Kommt dein Hund an gespannter Leine in eine für ihn schwierige Situation, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass er Aggressionsverhalten zeigt.

Die Wahrscheinlichkeit für aggressives Verhalten wird kleiner, wenn sich dein Hund wohlfühlt, er gesund ist und er gute und entspannte Erfahrungen in seinem Alltag machen kann.

 

 

Mit Management Aggression vermeiden

Das aggressive Verhalten sollte so selten wie möglich auftreten! Zeigt ein Hund Aggressionsverhalten, hat er damit fast immer Erfolg, denn die Bedrohungen werden verschwinden. Funktioniert diese Strategie, wird dein Hund sie nicht verändern. Auch das Training an neuen Strategien wird nicht klappen, solange dein Hund das Aggressionsverhalten zeigen kann. Ein Gehirn schmeißt nichts weg, und wenn dein Hund sich selbst immer wieder durch Aggression schützen kann, wird er immer wieder darauf zurückgreifen.

Außerdem kann ein Hund durch aggressives Verhalten dich, andere Menschen, Hunde und Tiere verletzen, deshalb solltest du sofort Management einsetzen. Management hilft dir – du hast Zeit, um sicher im Umgang mit deinen Trainingswerkzeugen zu werden. Durch Management kannst du dich auf die schönen Momente mit deinem Hund konzentrieren und diese genießen. Und das ist sehr wichtig, wenn du mit einem Hund zusammenlebst, der Aggressionsverhalten zeigt.

Management kann wichtig sein, wenn Hunde aufgrund von Erkrankungen oder anderen Faktoren gestresst sind und dadurch schneller aggressiv reagieren könnten. Geht es deinem Hund schlecht, dann setze ihn lieber keinen schwierigen Situationen aus, bis er wieder fit ist.

Bitte denke daran: Management ersetzt kein Training, sondern ergänzt es. Ohne Training wirst du Management niemals abstellen können. Management ist im weiten Sinne gesehen alles, was aggressives Verhalten gar nicht erst entstehen lässt. Setzt du Management ein, wird dein Hund gar kein Aggressionsverhalten brauchen, weil du die Situation so gestaltest, dass er es nicht braucht, weil er sich wohlfühlt.

 

So kannst du Management einsetzen:

  • Verzichte auf unnötige Sachen und Situationen, in denen dein Hund aggressiv reagiert. (So lange, bis du sie trainiert hast und dein Hund sie aushalten kann.)
  • Gehe zu ruhigen Zeiten Gassi und wähle Orte, an denen nicht viele bis gar keine Menschen unterwegs sind.
  • Schaffe Abstand, schon bevor dein Hund aggressiv reagiert oder nicht mehr ansprechbar ist.
  • Lenke deinen Hund ab und teile seine Aufmerksamkeit.

Generell solltest du aufmerksam und umsichtig in jeder Situation mit deinem Hund sein.

 

Management innerhalb der Wohnung

In der Wohnung eignen sich sehr gut ein Kindergitter oder eine trainierte Box, die der Hund mag und in die er sich gern zurückzieht.

Unser Hund Ascii hat einen Gitterkäfig, den wir auch heute noch nutzen. Er schläft täglich freiwillig viele Stunden darin und liebt ihn. Außerdem nutzen wir ihn noch, wenn Menschen in unsere Wohnung kommen, die Angst vor Hunden haben oder mit denen gar kein Kontakt entstehen soll, zum Beispiel wenn jemand den Zähler abliest.

Als Management in der Wohnung eignet sich auch ein eigener Raum für den Hund. Diesen muss der Hund kennen und mögen. Ich mag Kindergitter mehr, weil der Hund noch am ganzen Familienleben teilnehmen kann und weil es gute Trainingsbedingungen schafft.

 

Und was ist mit dem Maulkorb?

Jeder Hund sollte einen Maulkorb kennen und tragen können. Damit du diesen im Ernstfall dem Hund nicht einfach überziehen musst. Ein Maulkorb verhindert aber nur einen Biss und eignet sich deshalb meiner Meinung nach nicht für ein gutes Management.

Neben dem Maulkorb sollte der Hund Geschirr und Leine tragen, damit das Nach-vorn-Gehen schon unmöglich wird, wenn du die Leine in der Hand hältst. Am besten gewappnet bist du auch in so einer Situation zusätzlich mit deinem aufmerksamen und umsichtigen Verhalten.

 

Wie du Aggressionsverhalten verhindern kannst

Wenn dein Hund Frühwarnzeichen für aggressives Verhalten zeigt oder du merkst, dass er in einem Konflikt steckt, darfst du deinen Hund niemals erschrecken.

Der Schreck löst oft aggressives Verhalten aus, weil sich dein Hund noch bedrohter fühlt.

Wenn du aggressives Verhalten verhindern möchtest, solltest du etwas tun, was bei deinem Hund eine gute Emotion auslöst und was ihn ablenkt.

Du kannst

  • Verhalten abfragen wie Sitz, Platz, Weiter, Rückruf und alles andere, was dein Hund kann.
  • dein positives Markersignal geben, weil dein Hund noch nichts falsch macht, und mit der Belohnung bringst du ihn aus der Situation raus.
  • Geräusche machen, die mit positiven Emotionen verknüpft sind und gute Dinge zuverlässig vorhersagen (Rascheln der Leckerlitüte, Ankündigung für Spielzeuge …).
  • dein Entspannungssignal plus ein anderes Verhalten abfragen.

Die wichtigste Regel lautet: Warte nicht darauf, dass dein Hund Aggressionsverhalten zeigt, und bringe ihn nicht wissentlich in schwierige Situationen!

 

 

So lernt dein Hund eine andere Strategie statt Aggression

Generell solltest du parallel auf zwei Ebenen arbeiten und dir immer zwei Fragen stellen:

  1. Wie kann mein Hund andere Strategien entwickeln, wenn er in eine für ihn bedrohliche Situation kommt?
  2. Wie kann mein Hund solche Situationen emotional anders bewerten, um gar nicht erst aggressiv zu reagieren?

 

Dein Hund soll fremde Menschen oder bestimmte Situationen mit Menschen nicht mehr als bedrohlich empfinden und wenn es ihm zu viel ist die Situation beispielsweise verlassen. Alles, was du im Training mit deinem Hund umsetzt, sollte diese beiden Ziele berücksichtigen und dich diesen langfristig näher bringen.

Unser Schäferhund Ascii hat früher starkes Aggressionsverhalten gegenüber Menschen gezeigt. Ich beschreibe dir jetzt unser Training und bitte dich zu beachten, dass du dir bei Aggressionsverhalten Unterstützung von einem Trainer/einer Trainerin deines Vertrauens holen solltest.

Sobald Ascii einen Menschen wahrgenommen hat und dabei ruhig geblieben ist, habe ich dieses ruhige Verhalten mit dem Markersignal eingefangen und belohnt. Mit einem positiven Markersignal geht es einfacher, weil mein Timing besser war und ich auch das ruhige Hinschauen zu Menschen verstärken konnte. Und ich habe sofort eine gute Emotion bei Ascii ausgelöst. Damit konnte ich eine gute Strategie, das Stehenbleiben und Hinschauen, belohnen und habe eine gute Stimmung ausgelöst.

Wichtig ist, dass du dein Markersignal im Alltag generell nutzt und sicher im Umgang damit bist. Und du solltest mit den verschiedensten Belohnungen nach dem Markersignal arbeiten.

Wenn Ascii dann einen Menschen nur angeschaut hat, folgte nach dem Markersignal als Belohnung ein ruhiges stimmliches Lob und etwas Tolles wie Spiel oder Futter, was Ascii aber immer etwas weg vom Menschen gebracht hat.

Mit der Belohnung habe ich den Abstand zwischen Ascii und dem Menschen immer etwas vergrößert. Mein Ziel war, dass Ascii immer wieder eine Distanzvergrößerung zu Menschen praktiziert, denn diese Strategie sollte er wieder erlernen und so oft wie möglich mit meiner Hilfe praktizieren. Im Ernstfall konnte er das nicht und hat versucht, Menschen in den Arm zu beißen. Deshalb habe ich das Futter weg von den Menschen geworfen oder bin etwas weggegangen und habe dann mit ihm gespielt oder ihn mit Futter belohnt.

Asciis Gehirn hat viele Tausend Mal verknüpft – weggehen, weggehen, weggehen. Irgendwann hat Ascii dann, wenn er einen Mensch gesehen hat, hingeschaut und ist zur Seite gegangen oder zu mir gekommen, und ich konnte das mit dem Markersignal einfangen und ihn belohnen.

Dank des Markersignals und der folgenden Belohnungen konnte er aber auch immer mit dem Menschen etwas Gutes verknüpfen und hatte viele Tausend Mal eine positive Verknüpfung mit Menschen.

So konnten wir uns Stück für Stück an Menschen heran arbeiten und ich habe jede freundliche und neugierige Annäherung bei Menschen mit dem Markersignal eingefangen und belohnt.

Mein Training fand immer im Alltag statt und in Situationen, die sich ergeben haben. Dafür habe ich die Gassiorte gut ausgewählt. Den direkten Kontakt haben wir auch nur dann trainiert, wenn es sich ergeben hat oder unsere Freunde oder unsere Familie Ascii kennenlernen wollten.

Als Ascii anfing, mehr Interesse an Menschen zu zeigen, musste das Training weitergehen. Er konnte die Nähe von Menschen noch nicht lange aushalten und es bestand immer die Gefahr, dass es kippt und er aggressiv reagiert. Zumal auch Menschen sich selten perfekt verhalten – deshalb haben wir das sehr lange nur mit Menschen trainiert, die wir gut kennen und die keine Angst vor Hunden haben. Und die sich an unsere Anweisungen hielten, Ascii nicht anzufassen und nicht anzustarren.

Ascii ist zu diesen Menschen hingegangen, es folgte das Markersignal, ein ruhiges stimmliches Lob und er wurde wieder mit einer Belohnung in eine Distanzvergrößerung gebracht. Er sollte die Erwartung haben, dass er wegbelohnt wird, denn umso leichter fällt es dem Hund, im Ernstfall auch wegzugehen. Ascii war sozusagen darauf vorbereitet, dass er gleich wieder weggeht und ein Leckerli sucht.

Schritt für Schritt hat Ascii mehr ausgehalten und die Menschen konnten ihn anfassen und mit ihm reden. Und ich musste immer weniger mein Markersignal einsetzen, weil es von selbst lief.

Die Trainingseinheiten waren immer sehr kurz und fanden erst mal nur draußen in ablenkungsarmer Umgebung statt. Die Abläufe waren immer sehr ähnlich, was Ascii sehr geholfen hat und damit wir Fortschritte besser erkennen konnten. Das Kennenlernen von fremden Menschen fand immer draußen statt, und nach wenigen Minuten sind wir zusammen in die Wohnung gegangen. So war es entspannter für alle, und in der Wohnung fiel es Ascii danach viel leichter.

 

Warum Locken bei aggressiven Hunden gefährlich sein kann

Locken ist eine gute Sache, und wenn sie gut eingesetzt wird, sehr hilfreich im Training. Bei Hunden, die ein Problem mit fremden Menschen haben, kann durch Locken viel schiefgehen, und ich habe schon ein paar Hunde kennengelernt, bei denen es gefährlich wurde.

Locken wird meistens eingesetzt, wenn Hunde lieber Abstand zu Menschen halten. Solche Hunde werden oft mithilfe von Futter oder Spielzeug zu einem Menschen gelockt.

Zum Beispiel füttert der fremde Mensch den Hund immer aus der Hand oder du bringst deinen Hund immer wieder über das Futter zum fremden Menschen.

Das hört sich zwar nett an, denn der Hund macht vermeintlich nur eine positive Erfahrung: Gruselige Menschen haben leckeres Essen auf Lager. In einigen Fällen geht das auch gut, aber in manchen Fällen geht es schief und kann gefährlich werden.

 

Was passiert beim Locken, wenn der Hund Angst hat?

Eigentlich will dein Hund gar nicht in die Nähe von Menschen kommen. Er möchte sie vermeiden – das Locken bringt ihn aber in eine für ihn bedrohliche Situation. Damit bringt das Locken deinen Hund in einen Motivationskonflikt.

Dein Hund kann etwas Tolles bekommen, wenn er sich in eine für ihn gruselige Situation begibt, in die er eigentlich nicht möchte und aus der er nur wegwill. Dieser innere Konflikt sorgt für eine hohe Erregung, weil der Hund sich entscheiden muss zwischen etwas Attraktivem und etwas Gruseligem. Gleichzeitig das Futter bekommen und die unangenehme Situation vermeiden geht nicht.

Dieser Anstieg des Erregungsniveaus kann dazu führen, dass Aggressionsverhalten schneller ausgelöst wird oder dass der Hund schneller eskaliert. Besonders bei Hunden, die aggressiv auf Menschen reagieren, ist es wichtig, dass sie lernen Abstand zu halten, wenn ihnen alles zu viel wird. Und genau das lernt ein Hund durch Locken nicht. Er lernt stattdessen das Gegenteil. Deshalb setze ich im Training bei Hunden, die Angst- oder Aggressionsverhalten gegenüber Menschen und Hunden zeigen, Locken nicht ein.

 

Wie du es besser machen kannst

Locken wird eingesetzt, um dem Hund zu zeigen, dass Menschen nett sein können – aber um Emotionen zu verbessern, musst du nicht mit Locken arbeiten.

Du kannst gutes Verhalten in solchen Situationen einfach belohnen, und auch dabei wird dein Hund mit den anwesenden Menschen etwas Gutes verknüpfen – auch wenn er das Futter nicht bei ihnen bekommt. Hunde lernen im Kontext, deshalb speichern sie viel mehr ab, als wir manchmal glauben.

Noch einfacher wird es, wenn du mit einem positiven Markersignal arbeitest. Ich habe dir beschrieben, wie ich es bei unserem Hund Ascii trainiert habe. Ascii hat gelernt wegzugehen, und das mit vielen, vielen Wiederholungen – und dabei hat er sich sicher gefühlt und gleichzeitig gute Erfahrungen mit fremden Menschen gemacht. Dadurch konnte er immer mehr Kontakt zu fremden Menschen aufnehmen und freut sich mittlerweile über Besuch. Wenn ihm aber alles zu viel oder die Situation zu eng wird, geht er lieber weg und kommt zu uns. Eine großartige Entwicklung, denn früher hat er sich für Schnappen und Beißen entschieden.

 

Was, wenn die anderen Menschen gern Futter geben wollen?

Manche Menschen werden deinen Hund aber füttern wollen, weil sie es gut meinen. Ihnen das zu verbieten ist schwer. Das ist kein Problem: Die Menschen sollen das Futter von sich wegwerfen, wenn der Hund sie ansieht. Der Hund soll erst gar nicht zu ihnen kommen. Das Futter wird von ihnen weggeworfen, wenn der Hund sie anschaut. Und es wird so geworfen, dass der Hund nicht an ihnen vorbeirennen muss.

Verbote helfen oft nicht, deshalb leite die Menschen so an, dass sie dem Hund das Futter geben dürfen, und sage ihnen genau wie. Wir Menschen fühlen uns einfach gut, wenn wir Tiere füttern. Und trotzdem kommt dein Hund nicht in einen Konflikt.

 

Was du tun solltest, wenn dein Hund doch Aggressionsverhalten zeigt

Trotz gutem Management und vorausschauendem Handeln kann es dazu kommen, dass dein Hund aggressiv reagiert. Management ist niemals zu 100 % sicher.

Wenn dein Hund aggressives Verhalten zeigt, ist nicht dein ganzes Training für die Katz gewesen. Aber je öfter dein Hund aggressives Verhalten zeigt, umso länger werden Erfolge auf sich warten lassen.

Du solltest aggressives Verhalten bei deinem Hund so schnell und so freundlich wie möglich unterbrechen. Jeder Schreckreiz kann die Emotionen deines Hundes gegenüber Menschen verschlechtern, und wenn du ihn hemmst, wird dein Hund zu einer tickenden Zeitbombe.

Bei unserem Hund Ascii habe ich dafür den Rückruf genutzt. Als dieser zu Beginn noch nicht funktioniert hat, habe ich Ascii festgehalten, ihn mit seinem Namen angesprochen und kurz abgewartet, bis er wieder etwas ruhiger wurde. Auch für das Ruhigerwerden habe ich ihn belohnt. Wenn er noch mal zu dem Menschen geschaut hat, habe ich das ruhige Hinschauen gleich noch mal mit dem Markersignal eingefangen und belohnt. Dadurch wurde er auch im Ernstfall immer schneller ansprechbar und hat sich von allein schneller runtergefahren.

Asciis Aggressionsverhalten habe ich schnell und freundlich unterbrochen, wenn er anfing zu bellen und in die Leine springen oder zupacken wollte. Knurren allein trat sehr selten auf (ich kann mich nur an zwei Mal erinnern). Wenn Ascii nur geknurrt hat, habe ich ihn belohnt, weil ich Knurren wichtig finde und es eine bessere Strategie als Zupacken ist. Dank des Knurrens weiß ich, dass mein Hund ein Problem hat, und wenn Ascii wirklich etwas stört, setzt er es mittlerweile bei fremden Menschen ein. Da sich seine Emotionen gegenüber fremden Menschen verbessert haben, gibt es fast keine Situationen, in denen das nötig ist.

Ich habe nicht mit Ascii geschimpft und mich zusammengerissen, wenn er aggressiv reagiert hat. Es war mir natürlich unangenehm in der Öffentlichkeit, und es tat mir auch mal weh, wenn er in die Leine gesprungen ist, aber ich bin ruhig geblieben. Ascii ist ein sehr sensibler Hund, der schon bei einem bösen Blick einen Schreck bekommt, und deshalb war es wichtig, ruhig zu bleiben. Auf Schreck oder Schmerzen verzichte ich im Training sowieso und halte beides beim Thema Angst- und Aggressionsverhalten für äußerst kontraproduktiv.

Ich möchte Aggressionsverhalten beim Hund nicht nur deckeln und wegsperren, sondern dem Hund andere Handlungsstrategien beibringen und im besten Fall dem Hund angenehme Erfahrungen mit Menschen ermöglichen.

Um aggressives Verhalten gegenüber Menschen zu verändern, braucht es ein Training auf allen Ebenen und einen aufmerksamen und umsichtigen Menschen an der Seite des Hundes.

Durch Hemmen und Strafe wird der Hund vielleicht äußerlich ruhig und verhält sich angepasst, aber die Ursachen für das Aggressionsverhalten werden nicht verändert und der Hund wird im schlimmsten Fall zu einer tickenden Zeitbombe.

Aggressive Hunde müssen die Chance bekommen, neue Strategien zu erlernen, und wir müssen ihnen Momente schaffen, in denen sie gute Erfahrungen mit Menschen machen können.

Doch auch das netteste Training der Welt kann nicht dafür sorgen, dass Aggressionsverhalten einfach verschwindet. Jede Hundehalterin und jeder Hundehalter sollte sich darüber klar werden, dass jeder Hund aggressiv reagieren kann. Umso wichtiger ist es, dass wir als Hundehalter/innen unsere Verantwortung erkennen und sie ernst nehmen.

 

 

Ulrike Seumel…

… arbeitet als Trainerin für Menschen mit Hund in Potsdam. Sie schreibt einen Blog über Hundetraining und liebt Gemüse über alles.
Eine fundierte Ausbildung bei CumCane, ständige Weiterbildungen und Erfahrungen mit den verschiedensten Menschen und Hunden bilden die Grundlage ihrer Arbeit. Zum Training mit Hunden und ihren Haltern kam sie über ihren Hund Paco, da der Ratschlag Angst zu ignorieren, keinen Erfolg brachte und Paco nicht mehr das Haus verlassen wollte. Seitdem unterstützt sie Halter/innen mit ängstlichen und aggressiven Hunden, damit diese die gemeinsame Zeit mit ihren Hunden wieder genießen können.

Weitere Infos: www.ulrikeseumel.de

 

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