Clickertraining in der Verhaltenstherapie

Von Katharina Henf

LESEPROBE aus der SPF 10

 

Clickertraining ist zwar in aller Munde, jedoch häufig in Kombination mit Tricktraining, Dogdance oder Filmhundeausbildung. Das wird den Einsatzmöglichkeiten des Clickers längst nicht gerecht, denn der kleine Knackfrosch kann noch viel mehr. So bewährt sich die Arbeit mit Markersignalen schon seit vielen Jahren in allen anderen Hundesportarten, in der Alltagsausbildung und auch in der Verhaltensberatung.

 

Die Basis des Markertrainings ist ein Geräusch oder auch ein Wort, das dem Hund signalisieren soll: „Jetzt gibt es eine Belohnung.“ Die Bedeutung wird per klassischer Konditionierung im Hundekopf angelegt, das heißt, der Marker und eine Belohnung werden dem Hund immer wieder miteinander gekoppelt präsentiert, zum Beispiel: Click = Futter, Click = Futter, Click = Futter … Anfangs können beide Elemente zur Verknüpfung gleichzeitig in den Hundefokus gerückt werden; das wäre ein guter Einstieg, falls die Möglichkeit besteht, dass der Hund Angst vor dem Clickgeräusch haben könnte. Futter kann aber zum Teil ein wenig die Wahrnehmung des Geräusches blockieren, daher macht es im weiteren Verlauf Sinn, dass Marker und Futter nicht exakt gleichzeitig angeboten werden, sondern leicht zeitversetzt. So entsteht eine echte „Wenn-dann-Beziehung“: „Wenn (ich den) Marker (höre), dann (erwartet mich eine) Belohnung.“

 

Durch diesen einfachen ersten Schritt steht uns relativ schnell ein eindrucksvolles Werkzeug zur Verfügung. Stellen Sie sich vor, Sie lieben Eis, und jemand erzählt Ihnen an einem heißen Sommertag, dass Sie gleich ein Eis Ihrer Lieblingssorte geschenkt bekommen. Wie fühlen Sie sich? Sie freuen sich, je nach Persönlichkeitstyp sind Sie glücklich, vielleicht sogar euphorisch! Wenn der Click die Ankündigung einer echten Belohnung darstellt, sorgt allein schon diese Ankündigung für jede Menge Glücksgefühl im Hund. Wir können also quasi per Knopfdruck dafür sorgen, dass der Hund sich gut fühlt. Die Voraussetzung dafür ist jedoch, dass nach dem Click immer eine echte Belohnung folgt. Wenn Ihnen ein Salat angekündigt wird, Sie aber keinen Salat mögen, gibt es keinen Glücksgefühleffekt. Wenn Ihnen Eis versprochen wird, Sie aber nie eins erhalten, werden Sie auf das Versprechen schnell nicht mehr mit Freude reagieren. Das heißt, man muss herausfinden, was eine echte Belohnung für den Hund ist, und auch das Versprechen Click = Belohnung einhalten, damit der Effekt aufrechterhalten bleibt.

Im praktischen Einsatz ist dieses Prinzip eine echte Hilfe, wenn man es mit schlechten Emotionen als Ursache für unerwünschtes Verhalten zu tun hat. Mithilfe des Clickers kann ein erstes Ziel die emotionale Gegenkonditionierung des jeweiligen Auslösereizes sein. Im Grundprinzip ganz einfach: Geht es dem Hund schlecht, sorgen viele Clicks und viele echte Belohnungen dafür, dass der Hund sich wieder besser fühlt. Hat der Hund also vorher aus Unsicherheit oder Angst etwas gemacht, was wir nicht gut finden, sorgen wir mit dem Clicker dafür, dass sich sein emotionaler Zustand verändert. Durch die Wirkweise des Clickertrainings und die Möglichkeit, punktgenau Einfluss zu nehmen, ersetzen die neuen Emotionen die zuvor mit dem Reiz oder der Situation verknüpften Gefühle. Das Lernen eines alternativen Verhaltens statt der unerwünschten Reaktion wird möglich. Arbeit an der Basis ist hier das Stichwort.

 

Ein typisches Problem im Hundeschulbetrieb ist unerwünschtes Verhalten bei Hundebegegnungen. Viele Hundebesitzer wünschen sich nichts mehr, als einfach mit dem angeleinten Hund entspannt an anderen Hunden vorbeigehen zu können. Oft gebärdet sich der Hund aber unangenehm: Er zieht, bellt, pöbelt oder hat vielleicht sogar noch Schlimmeres im Sinn. Die Ursache hinter solch einem Verhalten kann unterschiedlich sein: Unsicherheit und Angst, aber oft auch einfach Frust darüber, nicht sofort mit dem anderen Hund spielen zu können. Das Verhalten ist also eigentlich nur ein Spiegel dessen, was im Hund selbst gerade nicht stimmt.

 

Die konkrete Trainingstechnik, die hier oft zum Einsatz kommt, wird Click-für-Blick genannt. Im ersten Schritt ist dabei das Ziel zum Beheben des Problems, dass der Hund bewusst seine persönlichen Problemauslöser anschaut und wir genau in diesem Moment clicken und anschließend belohnen. Zum Beispiel: Hund schaut anderen Hund an = Click plus Belohnung. Daraus folgen für den Hund verschiedene mögliche Veränderungen.

Beispieleffekt 1: „Immer, wenn ich andere Hunde anschaue, fühle ich mich super, also muss der andere Hund super sein!“ Der Auslöser „anderer Hund“ wird mit so viel guter Emotion überlagert, dass zum Beispiel bei dem Hintergrund „Angst“ mögliche Unsicherheiten quasi weggeclickt werden können.

Beispieleffekt 2: Hunde, die geclickt werden, lernen, bewusste Entscheidungen zu treffen. Der Hund entscheidet sich zum Beispiel bewusst dazu, den anderen Hund anzuschauen, meist lange bevor er „explodieren“ würde. Bewusste Entscheidungen werden also in einem Erregungszustand getroffen, in dem der Hund noch in der Lage ist, mitzudenken. Clickertraining hilft dem Hund, bei den bewussten Entscheidungen zu bleiben, und senkt damit in vielen Fällen spürbar das Erregungsniveau. Das wiederum verhindert bei richtiger Umsetzung das unbewusste, reflexive „Explodieren“. Das neutrale Geräusch des Clickers dringt außerdem oftmals merklich besser zum Hund durch als die rein verbale Ansprache und sorgt auch durch diese Eigenschaft für längeres „Cool-Bleiben“.

Beispieleffekt 3: Können Sie als Belohnung nach dem Click Futter wählen oder auch das Wegdrehen vom Auslöser, werden in die Situation immer wieder kleine Pausen eingebaut, in denen sich der Hund an Ihnen orientiert. Das wiederum sorgt dafür, dass Sie im Spiel bleiben und der Hund nicht allein in der Situation „sein Ding macht“.

 

Nicht das Ablenken über Futter ist also das Ziel, sondern das bewusste Auseinandersetzen mit Auslösern. Ein wesentlicher Faktor, damit diese Herangehensweise gelingen kann, ist ein ausreichender Arbeitsabstand zum Auslöser. Handelt der Hund nur noch reflexiv, ist er zu hoch im Erregungsniveau, dann sollte der Abstand sofort vergrößert werden. Variationen dieser Technik sind im Alltag natürlich erwünscht: Hören, Spüren, Riechen und Anschauen von Auslösern werden zu clickenswerten Verhaltensweisen. Hört Ihr Hund einen anderen Hund bellen, erkennt man das oft daran, dass die Ohren sich in eine andere Richtung drehen, obwohl vielleicht der Blickkontakt zu Ihnen bestehen bleibt. Der Hund nimmt das Bellen wahr, darauf kommt es für uns an, und Sie können clicken.

 

Ist eine emotionale Gegenkonditionierung geschaffen hat man das Wichtigste schon erreicht, trotzdem geht das Training weiter. Ein möglicher nächster Teilschritt könnte sein, den Click fürs Anschauen des Auslösers wegzulassen. Im Idealfall dreht der Hund sich nach dem Wegschauen direkt wieder zu Ihnen um, weil er sich vielleicht wundert, wo sein Click bleibt. Ab sofort wird genau diese bewusste Orientierung zu Ihnen geclickt, denn es war eine gute Entscheidung, sich von dem anderen Hund abzuwenden. Wenn man es genau nimmt, lernt der Hund, Artgenossen„anzuzeigen“. Frei nach dem Motto: „Mensch, ich hab einen Hund gesehen! Siehst du? Krieg ich jetzt den Keks?“ Dieser zweite Schritt kann aber nur gelingen, wenn durch den ersten Schritt das Erregungsniveau deutlich gesunken ist. Hätten wir versucht, von vornherein den Blickkontakt einzufordern, auf einem Trainingsstand, in dem der Hund noch zu aufgeregt war, hätten wir ihn quasi zu einem inneren Konflikt gezwungen: Zwar möchte er gern eine Belohnung, aber eigentlich möchte er auch den Auslöser anschauen, da er sonst „den Feind im Nacken“ hat. Ein innerer Konflikt ist jedoch kontraproduktiv, wenn es darum geht, Emotion und Erregung zu stabilieren, weshalb jede Form des Ablenkungstrainings in der Regel nur bei milden Problemen funktioniert.

 

Wer noch einen Schritt weiter trainieren möchte, gibt diesem Anzeigeverhalten einen Namen. Zum Beispiel „Wo ist der Hund?“ als Signal dafür, jetzt die Umwelt abzuscannen, dann einen Hund anzuschauen und anschließend den Click und die Belohnung zu kassieren. So wird der verbliebene Stresspegel noch weiter gesenkt (und damit das Erregungsniveau), der Hund orientiert sich noch stärker am Menschen, der ja damit auch zum Initiator dieses Spielchens wird, und die Gegenkonditionierung ist perfekt. Die alte Verknüpfung: „ein Hund = Stress, Aufregen = Pöbeln, Bellen, Fiepen“, wurde durch die neue Verknüpfung: „ein Hund = Entspannungshormone = Hingucken, Weggucken, an lockerer Leine vorbeigehen“, ersetzt. Die gesamte Situation wurde emotional neu belegt, nämlich konkret (anderer Hund ist okay) und generell (Begegnungssituation ist okay). Wer den letzten Schritt, also das Vokabeltraining, allerdings zu früh einführt (in zu hoher Erregung), der verknüpft lediglich das „Aufgeregtsein“ mit einem Wort, und das macht keinen wirklichen Sinn bei Begegnungsproblemen. Ist das Problem gelöst und der Hund bleibt in Begegnungssituationen völlig entspannt, lässt man Clicken und Belohnen einfach komplett weg, sodass die durch das Training erst gezielt positiv gefärbte Situation sich langsam in Richtung „neutral“ abschwächt.

 

Vor den üblichen Gegenargumenten zu Clickertechniken müssen Sie keine Angst haben. Selbst wenn Sie in eine „Explosion“ Ihres Hunds hineinclicken, vielleicht weil der Abstand zu gering war und Sie den Auslöser unterschätzt haben, wird der Hund dieses nicht als Belohnung für unerwünschtes Verhalten auffassen, da er in dem Moment das Verhalten nicht bewusst ausführt, sondern es wie oben beschrieben nur ein Spiegel des Inneren ist. Und das Innere wird mit dem Clicken weiter positiv beeinflusst. Auch die Idee, man könne Angst durch Clicken verstärken, ist überholt. Sie dürfen Ihrem Hund inzwischen ganz offiziell helfen, wenn es ihm schlecht geht, Sie sollen es sogar, denn der sogenannte „Social Support“ ist ein wichtiger Bestandteil im Vertrauensaufbau zwischen Mensch und Hund. Genauso wenig Bedenken müssen Sie haben, dass Ihr Hund durch solche Techniken „bestochen“ würde. Wie oben schon beschrieben ist das Clicken für bewusste Entscheidungen kein Bestechen, sondern der Einsatz von effektiver Belohnung. Und hätte diese positive Herangehensweise nicht auch unheimlich viele soziale Elemente, würde sie langfristig nicht zu der beobachtbaren Beziehungsverbesserung zwischen Hund und Mensch führen. Der Mensch wird zu einer berechenbaren Instanz, mit klaren Regeln und Ritualen, und der Hund nimmt dies dankbar an. Das positive Intensivieren der Beziehung funktioniert also ganz nebenbei.

 

Die Click-für-Blick-Methode ist nur ein kleiner Ausschnitt aus den vielen Einsatzmöglichkeiten des Clickers im Verhaltenstraining. Ein Aspekt soll uns zum Abschluss noch beschäftigen: Wie oben erklärt, wird der Clicker mit einer echten Belohnung verknüpft. Nicht für alle Hunde bedeutet „echte Belohnung“ allerdings das Gleiche! Hier sind der Kreativität des Menschen keine Grenzen gesetzt. Ein Verstärker, also eine echte Belohnung, führt immer zu einer individuellen Verbesserung der konkreten Lebenssituation des Hundes. Was genau dies für den betreffenden Hund in einer konkreten Situation bedeutet, muss man abwägen, probieren und für spätere Situationen speichern.

 

Eine Beispielsituation mit meiner eigenen Border-Collie-Hündin Lane zeigte mir die Allgemeinheit des Prinzips Verstärkung einmal sehr deutlich: Sie fühlte sich in einem Vorraum zu einer Vorführfläche so unwohl, dass sie keine Leckerchen annehmen wollte, was in ihrem Fall bedeutet, dass sie die Situation als wirklich schlimm empfand. Ich weiß bis heute nicht genau, worin für sie konkret das Problem bestand. Als ich gerade die Vorführung verschieben wollte, um meinen anderen Hund zu holen und Lane für heute freizugeben, fiel mir auf, welche Erleichterung es für sie war, auch nur einen Schritt näher zum Ausgang zu kommen. So machte ich einen letzten Versuch und nutzte das Näherkommen zur Tür und sogar das gänzliche Verlassen des Vorraums – also das Gefühl der Erleichterung – als echten Verstärker. Geclickt wurde für das Anwesendsein beziehungsweise Wieder-einen-Schritt-in-den-Raum-Hineingehen. Binnen weniger Minuten und Wiederholungen war Lane wieder völlig ansprechbar, fraß genüsslich Leckerli und fühlte sich wohl, sodass die Vorführung stattfinden konnte und der Hund voller Spaß seinen Lieblingssport zeigen konnte. Es muss also nicht immer Futter oder andere vom Menschen angereichte Verstärker sein, aber in vielen Fällen ist das Belohnen mit Leckerli nach dem Click die leichteste Möglichkeit, in die Techniken der positiven Verstärkung hineinzufinden.

 

Der Clicker ist nicht das einzige Markersignal, das im Alltag verwendet wird, auch ein gesprochenes Wort wie zum Beispiel „yes“, „click“, „top“ oder bestimmte Geräusche wie ein Schnalzen können konditioniert und dann benutzt werden. Positiv verstärken mithilfe eines Markers, also zum Beispiel dem Clicker, ist punktgenau, eindeutig, schnell, effektiv, nachhaltig und so vielseitig wie die beteiligten Individuen selbst. Es gibt nicht DAS Clickertraining, sondern der Clicker und andere Marker schaffen mehr Effizienz und damit Erfolg in allen Bereichen des Positivtrainings. Die lerntheoretische Grundlage hinter dem Markersystem bietet eine alternative Herangehensweise, statt unerwünschtes Verhalten immer als Beziehungsproblem zu betrachten. Der Clickerweg ist keine neumodische Erscheinung, sondern die schlichte Umsetzung lernbiologischer Erkenntnisse. Die Tatsache, dass immer mehr Trainer und Hundebesitzer den anfangs kompliziert wirkenden Weg verstehen wollen, zeugt davon, wie wichtig uns Hunde und ihre artgerechte Erziehung mittels positiver Trainingsmethoden geworden sind.