Kann denn Liebe Sünde sein?

LESEPROBE aus SPF 19: Von Elisabeth Beck

 

„Kann denn Liebe Sünde sein …?“, sang Zarah Leander in den 1930er-Jahren. Inzwischen hat sich viel verändert in unserer Welt. Vieles, was im Zusammenhang mit Liebe damals noch Sünde war, ist es heute nicht mehr – soweit es die erotische Liebe betrifft. Wie aber sieht es jenseits von Erotik und Sex mit einer ganz anderen Art von Liebe aus, der Liebe zu unseren Hunden zum Beispiel? Werden wir nicht mitunter noch immer belächelt, wenn wir Dinge sagen wie: „Ich liebe meinen Hund“ – oder gar: „Mein Hund liebt mich“, weil wir in beiden Fällen doch letztlich den Hund vermenschlichen?

Kein Zweifel – auch wenn es um Gefühle für Tiere und um Gefühle von Tieren geht, hat sich in den letzten Jahrzehnten eine Menge getan. Tiere tun uns gut, weiß die Wissenschaft, und sie betrachtet weder Menschen noch Tiere länger als „Black Boxes“, als unbeschriebene Blätter, gefühllos und programmierbar, wie das in der Zeit des Behaviorismus üblich war. Moderne bildgebende Verfahren bieten unendliche Möglichkeiten für die Erforschung des Gehirns. Die Psychologie hat die Gefühle wiederentdeckt. Mit der Renaissance der menschlichen Gefühle haben Wissenschaftler begonnen, sich auch wieder den Emotionen von Tieren zuzuwenden. Sie wissen eine Menge darüber, wie Gefühle im Gehirn entstehen. Sie haben herausgefunden, dass alle Säugetiere über sämtliche neuroanatomischen Strukturen verfügen, die nötig sind, um Gefühle zu empfinden. Bestimmte Emotionen wie Glück oder Angst lassen sich sogar biochemisch im Blut nachweisen – bei Tieren genauso wie bei uns. Gefühle ermöglichen die optimale Anpassung an die Umwelt und flexibles Handeln. Sie wirken als sozialer Kitt. Ohne Gefühle geht gar nichts – bei uns Menschen nicht und bei anderen höher entwickelten Tieren auch nicht.

Dennoch gibt es immer noch heftige – und emotional geführte – Debatten über tierische Emotionen. In der Welt der Wissenschaft sind es nur noch einzelne „Eiserne“, die es ablehnen, im Zusammenhang mit Tieren von Gefühlen zu reden. Einer von ihnen ist Clive Wynne, Professor für Psychologie an der Universität Florida. In seinem Buch „The Mental Life of Animals“ geht Wynne so weit, dass er – ganz in cartesianischer Tradition – Tieren nicht nur Gefühle wie Angst, Ärger, Eifersucht oder Liebe abspricht, sondern ihnen nicht einmal Empfindungen wie Lust- oder Schmerzerleben zutraut.

Speziell in der Hundeszene gehen die Meinungen zu den Gefühlen unserer Hunde stark auseinander. Hier sind es vor allem die Anhänger der alten Triebtheorien, die die Existenz von Gefühlen bei Hunden anzweifeln.

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Die Sache mit dem Trieb

Dabei ist nicht einmal der viel zitierte „Trieb“ heute noch, was er mal war: eine Erklärung für die Tatsache, dass auch Lebewesen gezielt handeln, die angeblich gar nicht denken können oder gar Gefühle haben. Insofern wurde „der Trieb“ als äußerst primitiver Motivator gesehen, der auf die Befriedigung wichtiger Bedürfnisse abzielte und dabei eine ausgeprägte Neigung zum Ausufern zu haben schien. Der Homo sapiens, so dachte man, könne Triebe – glücklicherweise! – unterdrücken oder umlenken, weil er eben über Vernunft verfüge, das Tier aber nicht. „Der Trieb“ war also auch immer etwas latent Gefährliches.

Wirklich erklären, was das denn genau sei, ein Trieb, konnte niemand, auch die Triebtheoretiker nicht. Genau genommen sagte das alte Triebmodell nämlich nicht viel mehr aus, als dass hinter den meisten Handlungen von Tieren und etlichen von Menschen ein An-Trieb steckt, der im Dienste der Selbst- und Arterhaltung steht. Das erklärt die Zusammenhänge etwa so exakt, als würde jemand feststellen: „Mein Auto hat einen Antrieb.“ Logisch hat es den, sonst würde es nicht fahren. Aber um welche Art des Antriebs handelt es sich? Einen Ottomotor? Einen Dieselmotor? Gas- oder Elektroantrieb? Und wie funktioniert so ein Motor – welcher Typ auch immer – überhaupt?

Der Neurobiologe Isaak Panksepp hat den biologischen Schaltkreis, der früher schlicht „der Trieb“ hieß, erforscht. Er nennt ihn das SEEKING-System, weil es ein Lebewesen dazu bringt, nach dem zu suchen, was es zum Leben braucht und was sein Leben bereichert: Nahrung, Schutz, Sexualpartner, aber auch spannende neue Erfahrungen und vieles mehr.

Während in den Triebtheorien allenfalls die Lust eine Rolle spielte, weist Panksepp ein ganzes Bündel von Emotionen nach, die mit dem SEEKING einhergehen: Neugier, Interesse, Vorfreude. Und anders als „der Trieb“, der sich im Gehirn nicht nachweisen lässt, ist der SEEKING-Schaltkreis eine biologische Tatsache.

Seinen Ausgangspunkt findet das SEEKING-System im Hypothalamus, der u. a. Sexualhormone und Appetit steuert. Beispiel Nahrungssuche: Sobald ein Tier Anzeichen entdeckt, dass es Nahrung finden könnte, beginnt es sofort, die Umgebung nach Futter abzusuchen. Ist das SEEKING-System aktiviert, werden große Mengen Dopamin und weitere „Glückshormone“ ausgeschüttet. Diese Botenstoffe – und damit die Glücksgefühle – sind im SEEKING-Zustand am intensivsten. Die Produktion nimmt ab, sobald das Ziel erreicht ist. Das erklärt zum Beispiel, warum das Jagen für den Hund viel toller ist als das Verzehren der Beute – und warum Frau Meyer angesichts besonderer Schnäppchen im Kaufhaus ebenfalls vom Jagdfieber gepackt wird. Es sind die zum SEEKING-System gehörigen Emotionen, die uns, unsere Hunde und viele andere Lebewesen in Bewegung bringen, kein geheimnisvoller „Trieb“.

Wahrscheinlich aber haben Sie trotz der Fragwürdigkeit alter Triebtheorien noch nie erlebt, dass Menschen in Gelächter ausgebrochen sind, wenn jemand im Zusammenhang mit Hunden von Trieben sprach. Dagegen können Aussagen wie: „Mein Hund ist eifersüchtig“, oder gar: „Mein Hund ist stolz auf seine Leistung“, schnell mitleidige Blicke oder Protest nach sich ziehen. Emotionen, speziell solche, die über Angst oder Spaß hinausgehen, trauen viele Menschen Tieren nach wie vor nicht zu. Die Furcht vor Vermenschlichung, dem sogenannten Anthropomorphismus, sitzt tief. Wie grotesk ihre Auswirkungen sind, mag eine kleine Geschichte zeigen, die mir eine Bekannte erzählt hat.

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