Ein Thema erhitzt die Gemüter: „Grenzen setzen“

winklerklvon Sabine Winkler — Leseprobe —

Frau Weichert, eine alleinstehende ältere Dame, besitzt einen kleinen Mischlingsrüden namens Coco, den sie im Alter von fünf Monaten aus dem Tierschutz übernommen hat. Coco ist ihr Ein und Alles. Kuscheln auf dem Sofa und gelegentliche Häppchen vom Tisch sind Standard, und da Frau Weichert aus Sorge um das Wohlergehen ihres Lieblings meist sofort auf Coco eingeht, wenn er etwas möchte, verhält er sich leicht aufmerksamkeitsheischend. Aber all das ist für Frau Weichert kein Problem. Sie mag Coco genau so, wie er ist – wäre da nicht die Schwierigkeit mit dem Bürsten! Cocos Fell verfilzt schnell, wenn es nicht regelmäßig gebürstet wird, aber Coco mochte das Bürsten von Anfang an nicht. Inzwischen knurrt und schnappt er sogar dabei. Frau Weichert zieht daher einen Hundetrainer zurate. Der schaut sich Hund und Herrin an, stellt viele Fragen und sagt schließlich: „Frau Weichert, so geht das nicht! Sie müssen endlich lernen, Coco Grenzen zu setzen.“  

Er erklärt: „Sonst wird das Problem immer schlimmer. Hunde fordern solche Grenzen manchmal geradezu ein. Und sie brauchen sie auch, um sich sicher zu fühlen! Wenn Coco wahrnimmt, dass er Sie manipulieren kann, kann er in Ihnen keine Leitfigur und Beschützerin sehen.“ Frau Weichert nickt etwas verzagt. „Aber was soll ich denn nun konkret machen?“, fragt sie. Der Trainer erklärt ihr, dass er aus Cocos Körpersprache beim Bürsten schließt, dass Coco aus Angst knurrt und schnappt. Dann zeigt er ihr, wie sie den Hund in sehr kleinen Schritten und mit vielen Leckerchen an das Gebürstetwerden gewöhnen kann. Er legt dabei besonders viel Wert darauf, dass Frau Weichert lernt, an Cocos Verhalten rechtzeitig zu erkennen, wann es ihm zu viel wird, und ihn dann nicht weiter zu bedrängen. Einige Wochen später ist das Problem gelöst.

 

Wenn Sie sich von dieser Geschichte ein bisschen betrogen fühlen, lieber Leser, geht es Ihnen genau wie mir. Warum? Weil man nach der wuchtigen Eröffnung des Trainers unwillkürlich erwartet, dass er nun etwas weitaus Dramatischeres empfiehlt als ein Desensibilisierungsprogramm. Zum Beispiel ein unbedingtes „Sich-Durchsetzen“ dem Hund gegenüber. Oder wenigstens: Runter vom Sofa und andere strengere Hausregeln. Aber wieso erwartet man das? Weil der Begriff „Grenzen setzen“ für gewöhnlich in der Hundetrainerszene (wie auch in der Kinderpädagogik) vor allem von Befürwortern einer strengeren, autoritäreren Erziehung benutzt wird. Damit einher geht dann normalerweise die Forderung nach (mehr) klaren Verboten und (härteren) Strafen und nach (mehr) Disziplin. Untermalt wird das Ganze gern mit sensationellen Fallgeschichten von komplett versagenden, mitleiderregend schwachen Hundehaltern (beziehungsweise Eltern), denen ihre Hunde (beziehungsweise Kinder) in unglaublicher Dreistigkeit auf der Nase herumtanzen. Und begleitet wird es oft von Warnungen vor einem allgemeinen Zerfall der Sitten und der Zunahme von asozialem Verhalten bis hin zum Beinah-Zusammenbruch der Gesellschaftsordnung, der nur aufgehalten werden kann, wenn Hundehalter (beziehungsweise Eltern) endlich wieder lernen, ihren Hunden (beziehungsweise Kindern) Grenzen zu setzen.

Solche Warnungen werden leider oft polemisch und mit unfairen Seitenhieben auf den „Gegner“ vorgetragen. Der Gegner – also jeder, der für eine „sanftere“ Erziehung eintritt – bekommt dabei die Rolle des gutmütigen Trottels zugewiesen, der es zwar gut meint, aber keine Ahnung hat und mit dem Problemverhalten des Hundes völlig überfordert ist. Oder, noch schlimmer: der so verliebt in den eigenen Hund ist, dass es an eine psychische Störung grenzt und er daher gar nicht mitkriegt, wenn der Hund stört oder gefährlich wird. Viele Befürworter von strengerer Grenzziehung werden ausgerechnet dann ziemlich vage, wenn es darum geht, wie das Grenzensetzen denn nun konkret aussehen soll. Sie vermitteln zwar allgemein das Gefühl, dass Hundehalter irgendwie härter und strenger ihrem Hund gegenüber sein sollten, statt aber Klartext zu reden, mit welchen Mitteln und wann dies erfolgen soll, liefern sie oft nur die nächste Fallgeschichte eines gefährlichen, unkontrollierbaren oder ungezogenen Hundes, der angeblich aufgrund von zu wenig Grenzen so geworden ist.

Das Lexikon sagt zu dem Begriff „Grenzen“ Folgendes: Eine Grenze ist eine Trennlinie, meist zwischen Flächen (Ländern, Grundstücken usw.). Manche Hundehalter, die ich danach gefragt habe, was „Grenzen setzen“ für sie bedeutet, sehen den Begriff daher auch vor allem räumlich und denken zuerst an Radiustraining, Gartenzäune oder Leinenführigkeit. In einem übertragenen Sinne bedeutet der Begriff „Grenze“ das äußerste Maß, das nicht überschritten werden kann oder darf. In diesem Sinne ist das Setzen von eigenen Grenzen und das Akzeptieren der Grenzen des anderen ein ganz selbstverständlicher und unverzichtbarer Teil des Zusammenlebens. Ganz nach dem bekannten Motto: „Die Freiheit des einen hört da auf, wo sie die Freiheit des anderen einschränkt“, ist das Miteinander von sozialen Wesen immer auch ein gegenseitiges Austarieren von Grenzen. Und zwar sowohl der eigenen (Was ist mir zu viel, was kann oder will ich nicht ertragen?) wie der des Gegenübers (Was kann oder darf ich dem anderen zumuten, womit überschreite ich seine Grenzen?). Dem werden wohl alle zustimmen. Wenn es so viele heiße Diskussionen um „Grenzen“ gibt, kann es dabei eigentlich nur darum gehen, wo die Grenzen sein sollen (wann das „äußerste Maß“ erreicht ist) und wie man dafür sorgen soll, dass sie eingehalten werden.

Gehen wir zunächst der ersten Frage nach: Wie eng oder weit sollen, müssen, dürfen die Grenzen sein, die man einem Hund setzt? Grenzen schützen hauptsächlich die eigenen Bedürfnisse, und daher ist es naturgemäß individuell sehr verschieden, wo man sie zieht oder ab wann und wie heftig man sie gegebenenfalls verteidigt. Das ist auch richtig so, denn das Grenzenziehen gelingt normalerweise nur dann problemlos, wenn man dabei authentisch ist. Verbiegt sich der Besitzer und zieht den Grenzverlauf – vielleicht auf Anraten eines Trainers – ganz anders, als ihm selbst eigentlich lieb ist, hält er das meist sowieso auf Dauer nicht durch. Ist es grundsätzlich ein Problem, wenn ein Besitzer die Grenzen für den Hund relativ weit steckt? Normalerweise nicht, sofern dies nicht auf Kosten Dritter geschieht. Wenn der Besitzer es zum Beispiel zulässt, dass sein Hund ihn anspringt, ist das allein seine Sache. Springt der Hund nicht nur diesen an, sondern auch Leute, die ihrerseits im Angesprungenwerden eine empfindliche Grenzüberschreitung sehen, bekommt vor allem der Besitzer Ärger, aber vielleicht auch der Hund. Womöglich verteidigt nämlich ein angesprungener Spaziergänger seine Grenze militant mit dem Spazierstock. Oder das Ordnungsamt stuft den Hund als gefährlich ein und verdonnert ihn zu Leine, Maulkorb und Wesenstest. So betrachtet ist es eben doch nicht ganz egal, was man dem Hund erlaubt und was nicht. Man macht sich und ihm das Leben auf alle Fälle einfacher, wenn man ihn zu gutem Benehmen in der Öffentlichkeit erzieht oder ihn zumindest, wenn nötig, durch Management (hier: in Anwesenheit von Passanten anleinen) oder vorausschauendes Handeln (hier: rechtzeitig heranrufen, wenn jemand entgegenkommt) davon abhält, unabsichtlich Grenzverletzungen an Dritten zu begehen.

Nun stecken aber nicht nur verschiedene Menschen ihre Grenzen verschieden ab. Der Grenzverlauf – anders gesagt: die Toleranz gegenüber Überschreitungen – kann sogar bei ein und derselben Person innerhalb kürzester Zeit wechseln. Das Gebell meines Hundes geht mir zum Beispiel vielleicht erst dann auf die Nerven, wenn ich selbst schlafen möchte oder abgespannt bin. Erst dann entsteht das – oft sehr dringende – Bedürfnis, ihn zu stoppen, da ich das Gebell nicht (mehr) ertragen kann. So ein leicht schwankender Grenzverlauf ist ganz natürlich, denn die Befindlichkeit des Sozialpartners wie auch die eigene Befindlichkeit ändert sich ja ständig. Man ist mal hungrig und mal satt, mal müde und mal munter, mal entspannt und mal gereizt, und entsprechend verhält man sich. Soziale Lebewesen wie Menschen und Hunde müssen Mechanismen entwickelt haben, um mit so etwas fertig zu werden. Unsere gelegentlichen kleinen „Inkonsequenzen“ machen daher dem Hund auch prinzipiell keine Probleme – vorausgesetzt, wir zeigen ihm durch klare Kommunikation den momentanen Verlauf unserer Grenze rechtzeitig und deutlich erkennbar an.

Ist die Grenze für den Hund aber gar nicht zu erkennen, weil es weder klare Regeln noch klare Kommunikation gibt, wird es schwierig für uns und sehr belastend für ihn. Da der Hund die Grenze nicht erkennen kann, wird er sie – keinesfalls in provokativer Absicht, sondern ganz ungewollt! – immer wieder verletzen. Dadurch zieht er oft unseren Ärger auf sich, ohne die Chance, diesen vermeiden zu können – eine klassische Stresszwickmühle, die sich unheilvoll hochschaukeln kann. Zu solchen kleinen bis großen Katastrophen kommt es meist entweder durch misslungene Kommunikation des Menschen oder dadurch, dass er versehentlich zu viele „handwerkliche“ Trainings- beziehungsweise Erziehungsfehler macht. Es kann auch mal vorkommen, dass der Hund die geforderte Grenze aus irgendwelchen Gründen nicht einhalten kann. Im Folgenden gebe ich zu jedem der Gründe ein Beispiel.

  • Ein Kommunikationsfehler: Der unerfahrene Halter versucht, seinem Welpen das Spielbeißen abzugewöhnen, indem er wiederholt „Nein!“ ruft, sich dabei zum Hund hinunterbeugt, ihn anschaut und mit dem erhobenen Zeigefinger vor dessen Nase herumfuchtelt. Fatalerweise interpretieren viele Welpen eine solche Körpersprache als Aufforderung zu wildem Spiel. Erfolg versprechender wäre es, nach dem „Nein!“ stocksteif dazustehen und über den Welpen hinwegzusehen.
  • Ein Trainingsfehler: Der Hund soll lernen, die Küche nicht zu betreten. Der Halter hat aber ein schlechtes Timing und ist unkonzentriert, sodass er den Hund nur manchmal stoppt, sobald der die Schwelle überschreiten will, und ihn meist erst „erwischt“, wenn der Hund schon in der Küche ist. Wieder und wieder übertritt der Hund diese buchstäbliche Grenze, aber nicht, weil er sie „testen“ will, sondern weil er die Regel „Hund muss draußen bleiben“ unter diesen Umständen beim besten Willen nicht verstehen kann.
  • Der Hund kann nicht: Der Hundehalter erwartet von seinem temperamentvollen, vom Naturell her besonders erregbaren und etwas unsicheren Junghund, dass dieser an der kurzen Leine an einem ausgiebigen Stadtbummel teilnimmt – natürlich an stets durchhängender Leine. Kein Kommentar.

Egal woran es liegt – dem bedauernswerten Hund wird meist noch unterstellt, er würde „die Grenzen“ testen, so als wäre er besonders schwierig und aufmüpfig. Oder es wird gar gesagt, er würde „Grenzen einfordern“, so als machte ihm der ganze Stress, den er mit seinem Besitzer hat, auch noch Spaß.

Großer Stress für den Hund kann übrigens auch dann entstehen, wenn ein Hundehalter sich zu oft selbst überfordert, weil er sich seiner eigenen Grenzen nicht bewusst genug ist oder sich selbst nicht erlaubt, sie ausreichend zu schützen, und es deshalb zu lange zulässt, dass der Hund sie überschreitet. Das endet nämlich oft in einem plötzlichen Wutausbruch des zuvor überduldsamen Hundehalters, der für den Hund dann wirklich völlig unberechenbar kommt und daher von ihm nicht vermieden werden kann. Oder der Hundehalter ist bald von der ganzen Hundehaltung genervt und hat permanent ein schlechtes Gewissen dem Hund gegenüber, weil er meint, noch mehr tun zu müssen. Er ist für diesen dann kein sonderlich netter und entspannter Sozialpartner mehr. Ein gesunder Egoismus dem Hund gegenüber und ein rechtzeitiges und deutliches Grenzenziehen ist daher allemal besser als der Versuch, sich übertrieben zurückzunehmen, damit der Hund es möglichst „gut“ hat.

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