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Kopfhalfter als Hilfsmittel – ja, nein, warum?

Leseprobe aus der aktuellen Ausgabe SitzPlatzFuss 13, von Dr. Ute Blaschke-Berthold und Rolf C. Franck

Dass ein Pferd am Halfter geführt wird, ist ein vertrautes Bild und die meisten Menschen denken nicht groß darüber nach. Bei Hunden sieht das schon deutlich anders aus – das Thema „Kopfhalfter“ wird kontrovers diskutiert. Während die einen in diesem Zusammenhang sogar von Tierquälerei sprechen, sehen andere Halti®, Gentle Leader® & Co als besonders nützliches Hilfsmittel im Trainingsprozess an. SitzPlatzFuss hat bei Dr. Ute Blaschke-Berthold und Rolf C. Franck nachgefragt, ob sie selbst mit Kopfhalfter arbeiten und wie sie zu diesem Thema stehen.

 

Ute Blaschke-Berthold:

Kopfhalfter – erstmalig für Hunde im  Jahr 1984 konfiguriert – gehören seit gut 15  Jahren zu den bekannteren Hilfsmitteln für die Arbeit mit Hunden. Ihre Verwendung wird oft von zwei extremen Positionen bestimmt:

1. Kopfhalfter verhindern von Anfang an unerwünschtes Verhalten wie Ziehen an der Leine und große Ablenkbarkeit, deswegen sollten sie bereits bei Welpen und Junghunden eingesetzt werden.

2. Kopfhalfter richten prinzipiell psychischen und körperlichen Schaden an und sind deswegen gänzlich abzulehnen.

Extreme Positionen sind immer gut für Streitgespräche und Abgrenzung, dagegen sind sie selten gut für den Transfer in die Praxis. Kopfhalfter haben einen festen Platz in der Werkzeugkiste der Verhaltensmodifikation. Sie werden sicherlich nicht gebraucht, um das Lernen der Leinenführigkeit zu unterstützen; auch ihre Verwendung für eine erzwungene Umorientierung ist unnötig. Dafür gibt es einfachere Techniken! Das größte Problem bei der Verwendung von Kopfhalftern besteht darin, dass sie sehr viel körperliche Kontrolle über das Tier geben. Dies macht viele Hundehalter unvorsichtig, machtbewusst und trainingsfaul. Hilfsmittel sollen Lernen unterstützen, nicht eine gezielte Verhaltensmodifikation ersetzen. Kopfhalfter sind nur dann akzeptabel, wenn sie in ein bereits gut funktionierendes Lernumfeld integriert werden! Sie sind kein Mittel der ersten Wahl. Kopfhalfter sorgen in Verbindung mit einer Leine für eine schnelle Unterbrechung der Vorwärtsbewegung. Sie bewirken eine rein mechanische Unterbrechung unerwünschten Verhaltens, das mit Vorwärtsbewegung verbunden ist.

Regel: Unerwünschtes Verhalten muss verhindert oder unterbrochen werden. Eine Verhaltensunterbrechung sollte im Idealfall weder strafend noch belohnend wirken. Verhaltensunterbrechung hat lediglich die Funktion, die Aufmerksamkeit des Tieres auf erwünschtes Verhalten zu lenken, eine Lücke im Fluss des Verhaltens zu schaffen, die vom Alternativverhalten ausgefüllt werden kann. Aus dieser Regel kann man ableiten, dass Kopfhalfter leicht zu einem Grenzfall der Verhaltensunterbrechung werden können, weil die Einwirkung durch Schreck, Schmerz und Frustration enorm belastend sein kann. Das sollte unter allen Umständen vermieden werden.

Kopfhalfter können nur unter ganz spezifischen Voraussetzungen sinnvoll und tierfreundlich eingesetzt werden.

Kopfhalfter funktionieren nur in Verbindung mit einer Leine. Effizienz und Begrenzung negativer Nebenwirkungen hängen sehr stark vom Umgang mit dieser Leine ab:

• Kopfhalfter werden nur an kurzer Leine verwendet –nicht länger als 1,50  m.

• Leinenrucke sind absolut tabu! Hundehalter, die ihr Verhalten des Leinenrucks noch nicht durch ein Alternativverhalten ersetzen konnten, dürfen nicht mit einem Kopfhalfter arbeiten!

• Neben Leinenrucken ist auch Zug mittels der Leine am Kopfhalfter problematisch. Das Kopfhalfter sollte nicht für eine erzwungene Umorientierung benutzt werden. Das Verhalten der Umorientierung ist mit einfachem Training leicht zu etablieren, und es gibt keinen Grund, dieses Verhalten mechanisch zu erzwingen. Dies gilt auch für erzwungene Bewegungen des Kopfes nach oben oder unten.

• Zug an der Leine sollte prinzipielle positiv verknüpft werden; dies gilt besonders, wenn die Leine an einem Kopfhalfter befestigt ist. Falls der Hundehalter in einer stressenden Situation der Versuchung erliegt, an der Leine zu ziehen, ist dies für den Hund das Signal zur aktiven Umorientierung.

• Kopfhalfter sind ein einzelner Baustein im Ablauf der Verhaltensmodifikation, der aus mehreren Teilschritten besteht. Ein Kopfhalfter ist keine Abkürzung durch diesen Prozess, es soll keinen einzigen Teilschritt ersetzen. Kopfhalfter sind definitiv nicht dafür gedacht, den Hund länger stärkeren Auslösern des unerwünschten Verhaltens auszusetzen! Kopfhalfter sind nicht dafür da, einen Hund durch ihn belastende Situationen zu zerren!

Korrekte Reihenfolge ist wichtig:

• Beschreibung des unerwünschten Verhaltens

• Wenn das unerwünschte Verhalten eine deutliche Vorwärtsbewegung enthält –- wie zum Beispiel.B. bei Aggressionsverhalten –, – könnte ein Kopfhalfter sinnvoll zur Verhaltensunterbrechung eingesetzt werden.

• Aufbau verschiedener positiver Verhaltensunterbrecher; dazu gehört auch schwacher Leinenzug als Umorientierungssignal.

• Verstärkung erwünschten Verhaltens; dies sind die Alternativverhalten, die das unerwünschte Verhalten ablösen sollen. Erst wenn dem Hundehalter klar ist, welches Verhalten er in den auslösenden Situationen unterstützen möchte, macht eine Verhaltensunterbrechung überhaupt Sinn.

• Arbeit an schwachen Auslösern, um die Effizienz der Verstärkung erwünschten Verhaltens und die Möglichkeiten der Verhaltensunterbrechung zu überprüfen. Erst wenn dieser Schritt zufriedenstellend gemeistert wird, kann an deinen Einsatz eines Kopfhalfters für schwieriger zu kontrollierende Situationen gedacht werden. Denn dann weiß der Hundehalter, was er wie tun kann, und hat ausreichend Impulskontrolle im Umgang mit dem unerwünschten Verhalten seines Hundes entwickeln können.

Der Einsatz eines Kopfhalfters erfordert einiges an Vorarbeit und Umsicht; dies gilt aber prinzipiell für jede Veränderung unerwünschten Verhaltens. Je besser vorbereitet und beobachtet wird, desto schonender und zugleich effizienter kann eine Verhaltensveränderung durchgeführt werden. Ich sehe keinen Vorteil darin, Kopfhalfter prinzipiell aus der Werkzeugkiste zu verbannen. Eine unnötig lange Trainingszeit, während der der Hund immer und immer wieder unerwünschtes Verhalten zeigen kann, hypervorsichtige Hundehalter, die die Umgebung scannen und ihren Hund sofort aus problematischen Situationen heraus führen  … all dies sind ebenfalls psychische und körperliche Stressoren, die zum Teil durch den klugen Einsatz von Kopfhalftern vermieden werden könnten. Ich weigere mich, ein Hilfsmittel zu verbannen, nur weil andere ungeschickt oder grob damit umgehen.

 

Dr. Ute Blaschke-Berthold…

… Dipl. Biologin, widmete sich nach der Promotion voll und ganz der angewandten Verhaltensforschung und ihren Favoriten, den Haushunden. Nach der Gründung einer Kyno-Praxis für Verhaltenstherapie wurde schnell deutlich, dass gut informierte und sinnvoll trainierte Hundebesitzer die beste Vorbeugung gegen Verhaltensprobleme bei Hunden sind – so entstand aus der Praxis heraus die CumCane Hundeschule. Ihre Trainingsansätze beruhen auf einem naturwissenschaftlichen Ansatz, wobei zusätzlich zu dem ständig aktualisierten Fachwissen auch eine immer wieder gezielt trainierte Beobachtungsfähigkeit die Basis bildet. CumCane bietet neben Hundeschulkursen auch Seminare und interaktive Onlinekurse für engagierte Hundehalter und Trainer an.

Weitere Infos: www.cumcane.de

 

 

Rolf C. Franck:

In den 1980er- Jahren wurden in den USA und Großb Britannien Kopfhalfter für Hunde entwickelt. Das amerikanische Modell nennt sich Gentle Leader® und das englische Halti®. In beiden Fällen war die Idee dahinter, Hundebesitzern ein tierfreundliches Erziehungshilfsmittel als Alternative zu Leinenruckens, Kettenwürgern oder Schlimmerem zu schaffen. Das Halti®, von dem es inzwischen zahlreiche Nachbauten gibt, kam zuerst in den deutschsprachigen Raum, während der Gentle Leader® erst Ende der neunziger 90er-Jahre über England zu uns kam. Entsprechend ist das Halti® hier weit verbreitet, während der Gentle Leader® noch weniger bekannt ist. Ich habe bereits Mitte der Neunziger 90er-Jahre mit beiden Kopfhalftern gearbeitet und mich bald für den Gentle Leader® als erste Wahl entschieden. Der wichtigste Vorteil aus meiner Sicht ist seine Wirkweise auf den Erregungszustand des Hundes.

Erregung und interne Verstärker

Meiner Meinung nach haben die meisten Verhaltens- und viele Trainingsprobleme eine gemeinsame Ursache. Was wir als unerwünschte Verhaltensweisen ansehen, zum Beispiel Aggressionen, Hetzen, Bellen, Anspringen, sind meist nur die Symptome einer zu hohen Erregung. Je höher diese ist, desto schwieriger wird es für den Hund, sein Verhalten bewusst zu steuern. Bei extremen Erregungszuständen bleiben ihm nur noch die berühmtem vier F’s: Fight, Flight, Freeze und Flirt (Kampf, Flucht, Erstarren und Herum schäkern). Um die situative Erregung eines Hundes zu verringern, haben wir verschiedene Methoden. Zu den effektivsten gehört die Arbeit mit dem Gentle Leader®, der den Erregungszustand auf zwei Weisen beeinflusst: Einerseits reagieren viele Hunde auf das Tragen des GL mit einer geringeren, allgemeinen Erregungsbereitschaft. Das heißt, dass das Tier insgesamt entspannter ist und sich damit oft auch in schwierigen Situationen weniger aufregt. Andererseits kann der Hundehalter das unerwünschte Verhalten sanft und schnell unterbrechen und so verhindern, dass der Hund sich in einen akuten Erregungszustand hinein steigert. Die beiden Effekte erklärt man sich damit, dass der GL Bereiche des Hundekopfes am Vorgesicht und im oberen Nacken stimuliert, die Hemmreflexe auslösen. Diese gehen auf die vermutlich angeborene Reaktion eines Welpen auf den Schnauzengriff  durch die Mutterhündin zurück, sowie auf die Tragestarre, wenn sie einen Welpen am Nacken trägt. In beiden Situationen ist die instinktive Reaktion des Welpen das Stillhalten. Bei schwierigen Hunden ist sehr oft das Prinzip der Selbsthemmung schwach ausgebildet. Als unterstützende Maßnahme des Verhaltenstrainings kann ein der Gentle Leader® diesen Schwachpunkt ausgleichen. Der häufigste Grund, warum Hundehalter professionellen Rat suchen, sind Begegnungsprobleme mit entgegen kommenden Hunden. Hier kann man oft konkrete Auslöser feststellen, oder, besser gesagt, vermuten. Manche Hunde hatten ursprünglich Angst vor begegnenden Hunden, andere fingen an, aus Frustration aus Leinenterz zu veranstalten, weil sie nicht mit dem anderen Hund spielen durften. In jedem Fall beginnen sehr bald interne Verstärker im Hund zu wirken, zum Beispiel Erfolgs- und Erleichterungsgefühle, die aufkommen, weil der Vierbeiner die Erfahrung macht, dass ihm seine Strategie des Bellens, Knurrens und Zähnefletschens hilft, die „gefährliche“ Situation zu überstehen. Auch der Erregungszustand an sich wird von vielen Hunden als lustvoll empfunden. Manche scheinen die Begegnungssituation als willkommenen Anlass zu sehen, endlich mal „die Sau raus zu lassen“. Dies umso mehr, je weniger sie in ihrem vielleicht langweiligen Leben die Gelegenheit dazu haben. Oft scheint der ursprüngliche Auslöser eines Begegnungsproblems weit in den Hintergrund geraten zu sein, während solche und andere körperinterne Verstärker die Erregung und das unkontrollierte Verhalten anfeuern. Mit anderen Worten: Das Leinenspektakel wird umso selbstbelohnender, je öfter der Hund es praktiziert. Wenn man nun entspanntes Verhalten trainieren möchte, arbeiten diese internen Verstärker oft gegen das Training. Um diesen Effekt zu verhindern und dem bisherigen Verhalten den selbstbelohnenden Charakter zu nehmen, kann ein Kopfhalfter ungemein nützlich sein. Der Hund erfährt damit, dass seine alte Strategie des Leinenzoffs nicht mehr effektiv und/oder lustvoll ist. Damit schafft man Raum für neues Verhalten und neue Verstärker. Einen ähnlichen Effekt kann man beim Hundebesitzer beobachten. Je größer ein Hund, desto belastender ist die Situation für den Menschen, der den Vierbeiner ausführt. Besonders Frauen fürchten – oft berechtigterweise  –, den Hund nicht halten zu können oder selbst zu Fall zu kommen. Beides führt zu Anspannung und Stressreaktionen, die für das Verhalten des Hundes nicht förderlich sind. Wenn solche Menschen durch das Kopfhalfter die Erfahrung machen, den Hund ohne großen Kraftaufwand halten zu können, gibt ihnen das oft die nötige Gelassenheit und Zuversicht, um an Problemen zu arbeiten. 

Was würde der Hund dazu sagen?

Es nützt nichts, drum herum zu reden: Wenn man die Hunde fragen könnte, würden sie sicher sagen, dass sie auf ein Kopfhalfter lieber verzichten. Meist zeigen sie zu Anfang, ähnlich einem Welpen, der zum ersten Mal Halsband oder Geschirr trägt, dass sie das Ding lieber los wären. Susan Garrett sagte dazu bei einem Seminar, dass sie den Gentle Leader® so sieht wie den Sicherheitsgurt im Auto. Niemand steht vermutlich darauf, sich anzuschnallen, aber es ist nützlich, sinnvoll und wird bald zur selbstverständlichen Gewohnheit. Für viele Hunde steigt die Lebensqualität, weil sie dank des Kopfhalfters wieder mehr und längere, besonders aber entspanntere Spaziergänge bekommen.

Was ist mit der Verletzungsgefahr?

Besonders in Internetforen kursieren zahlreiche Geschichten darüber, wie gefährlich Kopfhalfter für den Hund wären. Ganz sicher empfiehlt es sich, bei der Anwendung mit Vorsicht vorzugehen. Kopfhalfter sollten nicht an einer langen Leine oder Flexileine benutzt werden und man darf grundsätzlich nicht an der Leine rucken. Das Ausbremsen von Bewegungen des Hundes sollte immer mit elastischem Gegenhalten geschehen. Der aktive Einsatz von Leine und Kopfhalfter muss immer mit sanften Bewegungen und nur kurz erfolgen. Ziel ist immer, dass die Leine entspannt durchhängt. In den etwa 20  Jahren, die ich mit Kopfhalftern Erfahrungen gesammelt habe, ist meines Wissens kein Hund ernsthaft zu Schaden gekommen. Was man in einigen Fällen sieht, sind Scheuerstellen auf dem Nasenrücken. Sie entstehen bei Hunden, die sehr stark an der Leine ziehen und aufgrund von Anwendungsfehlern gelernt haben, dies auch am Kopfhalfter zu tun.

Das Allheil- und Wundermittel?

So effektiv die Arbeit mit einem Kopfhalfter häufig ist, reicht sie in den seltensten Fällen als einzige Technik aus. Um die hilfreichen Vorzüge nutzen zu können, müssen die Hundehalter in der Anwendung des Kopfhalfters, vor allem aber im effektiven Einsatz von positiver Verstärkung geschult werden. Das Kopfhalfter schafft kein Verhalten, sondern verhindert nur unerwünschte Verhaltensweisen und Erregungszustände. Außerdem macht es oft das Führen und Halten des Hundes leichter und entlastet Hundebesitzer, die von anderen, langwierigen Methoden der Verhaltensunterbrechung überfordert wären. Um neue, erwünschte Verhaltensweisen zu bekommen und zu stabilisieren, ist nichts so effektiv wie positives Training mit einem Markersignal.

 

Auch diese Trainer benutzen Kopfhalfter…

  • Dr. Ian Dunbar, USA
  • Jean Donaldson, USA
  • Patricia McConnell, USA
  • Karen Pryor, USA
  • Linda Tellington-Jones, USA
  • Prof. Peter Neville, GB
  • Susan Garrett, Kanada
  • Sarah Whitehead, GB 

 

Rolf C. Franck…

Rolf C. Franck, Dipl. CABT, ist der einzige deutsche Inhaber des Diploms in Heimtierverhalten und -training am Zentrum für angewandte Verhaltenskunde (COAPE Institut, England), hat etwa 25 Jahre Erfahrung in der Hundeausbildung und ist als professioneller Verhaltensberater tätig. Gemeinsam mit Madeleine Franck leidet er die Partnerschule für Mensch und Hund in der Nähe von Bremen. Unter dem Namen Blauerhund® veranstalten sie Ausbildungskurse, Fortbildungsseminare und Vorträge für Hundebesitzer und Trainer, in denen es immer vor allem darum geht, Hunde emotional zu verstehen und zu trainieren.

Weitere Infos: www.blauerhund.de

 

Wie sind Ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit dem Thema Kopfhalfter? Wir freuen uns auf sachliche, informative Kommentare!