Stellungnahme von VdTT und IBH zur neuen Pro7-Show „Scream! If you can“

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Liebe SPF-Leser/innen, gestern erreichte uns folgende Stellungnahme:

Mit großer Bestürzung haben wir dem aktuellen TV-Programm des Senders Pro7 die Ankündigung einer neuen Show mit dem
Titel „Scream! If you can – Wer Angst hat, verliert!“ entnommen. Entsetzt sind wir jedoch nicht wegen des grundsätzlichen Formats – die Faszination Horror sei allen Fans unbenommen. Was uns außerordentlich bitter aufstößt, betrifft den Einsatz von Schäferhunden als
„Menschenjäger“ im finalen Showdown.

Wir sehen mit großer Besorgnis, dass hier zum Zwecke bloßer Unterhaltung Hunde darauf trainiert wurden, hinter Menschen herzulaufen und sie zu Fall zu bringen, um eine Ressource (Rucksäcke) „zu sichern“. Wir setzen zwar voraus, dass das entsprechende Training „positiv“ war, den Hunden also durchaus Freude bereitet hat und keiner der Hunde in irgendeiner Weise Beeinträchtigungen in seinem Wohlbefinden hinnehmen musste. Doch die mutmaßlichen Trainingsmethoden sind in diesem Fall nicht das Erschütternde für uns.

In der Ankündigung zur Sendung ist von „aufgehetzten Hunden“ die Rede. Diese Formulierung lässt darauf schließen, dass sich die Hunde in einem ausgeprägten Erregungszustand befinden, ehe sie zur Verfolgung der Kandidaten aus ihren Boxen gelassen werden. Verfolgen und ggf. Packen stellt Beutefangverhalten dar. Die betroffenen Hunde wurden also durch Training dazu gebracht, Jagdverhalten gegen Menschen zu richten. Es ist zwar durchaus denkbar, dass das Spektakel aus der Sicht des einzelnen Hundes ein Jagdspiel ist und damit – eigentlich – nicht gefährlich. Je höher das Erregungslevel eines Hundes aber ist, desto größer wird auch das Risiko, dass Spiel in Ernst „kippt“.

Wie wahrscheinlich das ist, weiß niemand. Sind diese Hunde hinter der Bühne Sozialpartner für Menschen, die hundgerecht mit ihnen umgehen? Dürfen sie auch einfach mal „Hund sein“, Hundekumpels treffen und am „öffentlichen Leben“ teilnehmen? Werden sie auch „rausgelassen“? Kennen sie Wandersleut mit Rucksack? Schulkinder mit Ranzen und Turnbeuteln? Wären sie fähig, ruhig und entspannt zu bleiben, auch wenn letztere froh und krakeelend an ihnen vorbei rennen würden? Wohl bemerkt ruhig und entspannt und nicht „im Kommando“ oder „sicherheitshalber an der Leine“.

Wem hier Fragen im Hinterkopf aufsteigen, der rührt an das, was uns von VdTT und IBH Sorgen bereitet. Die Sendung baut einerseits auf der Vorstellung auf, dass die eingesetzten Hunde „gefährlich“ seien. Zum anderen wird aus unserer Sicht billigend in Kauf genommen, dass „im Eifer des Gefechts“ Spiel in Ernst kippt. Außerdem kultiviert die Sendung einmal mehr ein Bild vom Hund, das nicht der wahren Natur dieser Spezies entspricht.

Besonders tragisch für uns ist, dass hausgemachter Hundegrusel wie der in „Scream! – If you can“ nicht auf eine Show beschränkt ist, sondern mittlerweile allgegenwärtig. Davon zeugen Leinen- und Maulkorbzwänge ebenso wie Rasselisten oder Anschaffungsverbote. (Auch) Dank „Scream! – If you can“ fokussieren wir auf unsere Angst anstatt darauf, dass und wie wir jedem Hund helfen können, das Beste zu entwickeln, was in ihm steckt. Aus unserer Sicht mit fatalen Folgen. Denn das führt nicht nur dazu, dass Hunden gestern wie heute in Erziehung und Ausbildung maßlos und unnötig Gewalt angetan wird – auch in der unterschwelligen Annahme, dass das „Böse im Hund“ nur durch Zwang gebändigt und kontrolliert werden könne bzw. müsse. Es führt außerdem zur Stigmatisierung von Rassen, von Einzelindividuen und Hundebesitzern.

„Scream! – If you can“ ist deshalb aus unserer Sicht ein weiteres Beispiel für die vollkommene Verzwecklichung eines Tieres unter eklatanter Missachtung der tierlichen Würde. Aus unserer Sicht hätte die Achtung der tierlichen Würde (und damit auch des Tierschutzes!) geboten, auf den Einsatz von Hunden (und ebenso anderen realen Tieren) als „Menschenjäger“ in einer TV-Show zu verzichten. Wir haben die Wahl darüber, welches Bild vom Hund wir nähren und fördern wollen. Das Bild, das uns „Scream! – If you can“ vorgaukelt, ist zu unserem großen Bedauern einzig geeignet, all das zu bekräftigen, was wir in unserer täglichen Arbeit mit Mensch und Hund im Sinne eines bereichernden Miteinander zu überwinden suchen.

Presse-Kontakt
Judith Böhnke
Verband der Tierpsychologen und Tiertrainer e.V.
Achtern Dieck 6
24576 Bad Bramstedt
Tel.: +49 (0) 152 546 977 22
Internet: www.vdtt.org

Über den VdTT
Gegründet wurde der VdTT e. V. im Jahr 2005. Insgesamt integriert er 275 Mitglieder. Diese sind vorwiegend Absolventen der Akademie für Tiernaturheilkunde (www.atn-ag.ch), die 1995 als erste Schule im deutschsprachigen Raum für die Allgemeine und Spezielle Ethologie des Hundes, der Katze und des Pferdes gegründet wurde. Konzipiert von international renommierten Wissenschaftlern, Hochschuldozenten und Verhaltensexperten bietet die ATN Ausbildungsgänge in 16 Tierberufen. Die ATN ist nach ISO 9001-2008 zertifiziert und vom Schweizer Bundesamt für Veterinärwesen (BVET) als Ausbildungsstätte zur Qualifizierung von Personen anerkannt, die Hundehalter nach Art. 205 TSchV (Schweizer Tierschutzverordnung) ausbilden. Die Mitglieder des VdTT tragen eine Selbstverpflichtung, sich kontinuierlich weiterzubilden und sich strikt an Leitbild und Ethik des Verbandes zu halten. Zum Kodex gehört, dass tierliches Verhalten niemals durch Härte, Strafreize, Schmerzen und/oder Angst beeinflusst werden darf. Um die fachliche Qualifikation seiner Mitglieder konstant und durchgehend auf einem hohen Niveau zu halten und ihnen fortlaufend die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse zugänglich zu machen, organisiert und vermittelt der Verband jährlich mehrere Fortbildungen auf nationaler und internationaler Ebene. www.vdtt.org

Über den IBH
Der Internationale Berufsverband der Hundetrainer/innen e. V. wurde 2009 gegründet. Die Organisation vertritt 130 Mitglieder, die sich einer art- und verhaltensgerechten Zucht, Aufzucht, Haltung und vor allem Erziehung von Hunden verpflichtet haben. Der IBH e.V. steht ein für respektvolle und gewaltfreie Erziehung von Hunden nach neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen. Der IBH e. V. möchte für eine einheitliche und anerkannte Ausbildung sorgen. Die Mitglieder des IBH e. V. sind verpflichtet, sich kontinuierlich weiter-zubilden und dies nachzuweisen. Seit dem 3. Dezember 2011 ist der IBH e. V. für seine Qualitätsstandards TÜV-zertifiziert. www.ibh-hundeschulen.de