Ein echter Hingucker – „Zeigen & Benennen“

Von Ute Blaschke-Berthold

LESEPROBE aus der SPF Ausgabe 14
Sie fallen auf. Menschen, die ihrem Hund mit einem Wort ankündigen, was da gerade auf ihn zukommt. Menschen, die danach auch noch clicken oder „Top“ sagen, wenn ihr Hund zum Beispiel Jogger, andere Hunde, Hasen, Rehe und Pferde anschaut. „Jetzt wird der Hund schon fürs Fixieren belohnt!“, so schimpfen Kritiker dieser Trainingstechnik. Und überhaupt, es sei nicht artgerecht, mit Wortsignalen zu kommunizieren. Schließlich verstehe der Hund menschliche Sprache nicht.
Der Ursprung
1999 machte mich die amerikanische Trainerin Kayce Cover mit einer ungewöhnlichen Trainingstechnik vertraut. Kayce hatte seit 1979 im Smithsonian National Zoological Park mit der Benennung schwieriger Situationen ausgiebig Erfahrung sammeln können. In Ermangelung eines Fachausdrucks hatten wir damals diese Technik „Zeigen & Benennen“ genannt. Im englischsprachigen Bereich taufte sie Lucy Dentith (Großbritannien) 2003 mit der griffigen Bezeichnung: „Name & Explain“.
Das Tier lernt, schwierige Situationen besser zu bewältigen. Dazu werden Auslöser emotionaler Erregung mit einem Wort benannt. In Verbindung damit steht der Aufbau entspannteren Alternativverhaltens. Alles, was zu viel Erregung und unerwünschtes emotionales Verhalten auslöst, wird auf diese Art bearbeitet:
– Gegenstände wie Bürste, Krallenzange, Zeckenhaken, Ohrentropfen, Spielzeug, Kauartikel, Futter
– Örtlichkeiten wie Wartezimmer beim Tierarzt, Auto, Hundeplatz, Spielwiese, Eingangsbereich der Wohnung, Waldrand, Ufer von Gewässern
– Lebewesen wie andere Hunde, Katzen, Weidetiere, Wildtiere, Menschen
– Geräusche
– Gerüche

„Zeigen und Benennen“ benötigt nur wenige Werkzeuge: ein Markersignal und ein weiterer erlernter Verstärker, mit dem der Hund bis zum Markersignal begleitet wird (intermediäre Brücke). Zusätzlich spielt Entspannungstraining eine große Rolle.
Außerdem wird Futter nicht als „Universalverstärker“ eingesetzt, sondern nur in Fällen, in denen es tatsächlich zur Motivation des Hundes passt. Bei Angst, Aggression und Frustration werden Veränderungen der Distanz zum Auslöser als passende Verstärker ohne Futter eingesetzt.

„Zeigen und Benennen“ im Detail
Aufmerksamkeit ist ein Prozess, der im Gehirn abläuft und den wir nicht direkt beobachten können. Wir brauchen also einen indirekten, beobachtbaren Hinweis darauf, dass der Hund seine Aufmerksamkeit auch tatsächlich auf den Auslöser gerichtet hat. Die Orientierungsreaktion des Hundes, die Ausrichtung seines Kopfes in Richtung eines Reizes, liefert uns diesen Hinweis! Am Kopf befinden sich die Sinnesorgane, die das Gehirn des Hundes mit Informationen über Ereignisse in seiner Umwelt füttern. Erst wenn der Hund seinen Kopf, nur ein Ohr, zu einem Auslöser wendet oder einen seitlichen Blick riskiert, können wir uns sicher sein: Alles, was wir jetzt tun, wird mit diesem Auslöser verknüpft werden. Allerdings ist jetzt auch unerwünschtes Verhalten möglich.
Unerwünschtes Verhalten soll nach Möglichkeit nicht auftreten oder so früh wie möglich unterbrochen werden. Dies ist eine elementare Trainingsregel! In „Zeigen & Benennen“ wird unerwünschtes Verhalten ganz einfach verhindert. Bereits die Orientierungsreaktion des Hundes wird mit dem Markersignal (Clicker, Markerwort) eingefangen und verstärkt.
Also doch! Gucken und eventuell Fixieren werden belohnt. Nun, ein Hund besteht nicht nur aus Augen. Mit dem Markersignal wird bei der Orientierungsreaktion jede Bewegung, jede Körperposition, die der Hund willentlich steuern kann, eingefangen. Also auch Stehenbleiben und langsame Fortbewegung. Damit wird das unerwünschte Verhalten weniger wahrscheinlich, weil der Hund lernt, stehen zu bleiben. Das ist elementar bei Angst-, Aggressions- und Jagdverhalten.

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Ein sicherer Einstieg
Der Einstieg in „Zeigen & Benennen“ erfolgt am besten an einem Gegenstand, der beim Hund kein unerwünschtes Verhalten auslöst. Das kann ein Stuhl, ein senkrecht stehendes Brett, eine Flasche sein. Ein sehr bewährter Einstieg ist die „Lauerübung“. Bei dieser Übung lernt der Hund, Futter oder Spielzeug in der Hand seiner Bezugsperson nur mit den Augen zu verfolgen; dabei soll er seine Pfoten nicht bewegen. Aus dieser Übung wird übrigens eine sehr hochwertige Belohnung für viele Gelegenheiten.
Das Vortraining ist wichtig! Schließlich muss der Mensch sich erst einmal in aller Ruhe mit den veränderten Spielregeln vertraut machen können. Es ist gar nicht so einfach, die Orientierung zum Reiz und nicht die Umorientierung zur Bezugsperson zu honorieren.
Ein Markersignal, mit verschiedenen Belohnungen verknüpft, ist Voraussetzung. Der Aufbau eines weiteren Signals, die intermediäre Brücke, erleichtert das Training sehr und hilft, primäre Verstärker zu reduzieren; sie ist aber nicht zwingend Voraussetzung.

Funktionen
Wer kennt das nicht: Der Hund unterscheidet locker zwischen Training und Nichttraining, also den alltäglichen Situationen. Durch die Benennung wird entspanntes Verhalten an Auslösern nicht mit einem Signal für dieses Verhalten, sondern mit einem Wort für den Auslöser verknüpft. Hunde können so Konzepte lernen!
Beispiel: Benno reagiert abwehrend auf Jogger und Walker, die sich ihm schnell nähern. In kontrollierten Trainingseinheiten mit Hilfspersonen, die dem Hund entgegenlaufen, lernt er als Alternativverhalten, zur Seite zu gehen. Aber natürlich nimmt ein Hund Menschen als Individuen wahr, und so ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass Benno seine Erfahrungen mit den Hilfspersonen im Training auf die Jogger und Walker in seinem Alltag übertragen kann. Die Benennung erinnert den Hund an bereits bewältigte Begegnungen und schafft so eine Verbindung zwischen den individuellen Hilfspersonen und beliebigen Joggern.
Tauchen Auslöser unerwünschten Verhaltens für den Hund plötzlich auf, wird die Schreckreaktion ausgelöst. Normalerweise erholt sich ein Hund schnell vom Schreck und kann sein Verhalten der Situation anpassen. Aber Erschrecken in Verbindung mit einem Auslöser von Angst und Aggression trägt zur Verschlimmerung des unerwünschten Verhaltens bei. Nach dem Erschrecken ist die Bereitschaft des Hundes, mit Angst- und Aggressionsverhalten zu reagieren, deutlich größer. So kommen immer wieder Rückschritte zustande.
In Situationen, in denen die Bezugsperson weiß, was auf den Hund zukommen wird, kann die Schreckreaktion vermieden werden. Handlungen wie Anfassen, Körperpflege und medizinische Versorgung werden mit der Benennung angekündigt. Der Hund kann sich nach der Benennung auf die Interaktionen einstellen.
Entdeckt die Bezugsperson Auslöser, bevor der Hund sie wahrnimmt, kann die Benennung den Hund auf die Konfrontation mit einem Auslöser einstellen.

Beispiel:
Lola reagiert auf fremde Menschen, die plötzlich in ihrem Sehfeld auftauchen. Dies kann an jeder unübersichtlichen Stelle geschehen. An solchen Stellen kann man dem Hund die Benennung für Menschen als Suchaufgabe stellen: „Lola, wo ist ein Mensch?“ Lola beginnt, nach Menschen Ausschau zu halten. Entdeckt sie welche, erschrickt sie nicht; daher kann Lola alternatives Verhalten besser zeigen.

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Die Benennung wird zur Ankündigung von Auslösern eingesetzt. Außerdem erinnert sie in schwierigeren Situationen den Hund an seine Bewältigungsstrategien.

 

Alternativen zum unerwünschten Verhalten sind ein wesentlicher Baustein. Kann der Hund Alternativverhalten eindeutig mit einem Auslöser unerwünschten Verhaltens verknüpfen, wird dieser Auslöser selbst zum Signal für die Alternativen. Es entlastet den Menschen so sehr, wenn er nicht ständig nach Auslösern Ausschau halten muss, um das Verhalten seines Hundes zu kontrollieren. „Zeigen & Benennen“ ist Training für die Selbstregulation des Hundes.
Wichtig: Das Alternativverhalten muss funktional verstärkt werden. Es macht so viel Freude zu überlegen, was der Hund eigentlich von dem unerwünschten Verhalten hat! Entkommt er durch sein Verhalten der Annäherung eines Menschen oder eines Artgenossen? Dann ist eine Vergrößerung der Distanz die passende Verstärkung für das Alternativverhalten. Kommt er durch sein Verhalten näher zu etwas hin? Dann ist eine strukturierte Annäherung die funktionale Verstärkung. Geht es um Futter? Dann ist eine Futterbelohnung das Mittel der Wahl. Beobachten, Belauern und Beschleichen? Diese sollten dann auch Bestandteil der Verstärkung sein. Hetzen, Stöbern? Auch dies ist leicht als passende Verstärkung aufzubauen. Unerwünschtes Verhalten hat für den Hund eine Funktion. Es wird für den Hund irrelevant, wenn eine Verhaltensalternative denselben oder einen ähnlichen Effekt hat.
Wie kann man diesen Effekt erzielen? Nach der Orientierungsreaktion des Hundes kann jedes beliebige Verhalten, welches nicht störend ist, markiert und verstärkt werden. Diese Verstärkung besteht aus Veränderungen der Distanz, Jagdersatzhandlungen und allem, was zur Motivation des Hundes passt. Das ist einfach durchzuführen und ein Türöffner für die Kooperation des Hundes. Zusammen mit den funktionalen Verstärkern formen wir so funktionales Alternativverhalten; diese vermindern Frustration durch Bedürfnisbefriedigung. Für mentale Gesundheit und Wohlbefinden ist dies sehr wichtig. Die Bezugsperson kann sich darüber freuen, dass das unerwünschte Verhalten immer seltener auftritt und leichter unterbrochen werden kann. Beiden Partnern geht es besser!
„Zeigen & Benennen“ ist die schonendste Möglichkeit, Impulskontrolle an Auslösern zu erleichtern.

Aufbau von „Zeigen & Benennen“
1. Verknüpfen Sie ein Markersignal mit verschiedenen Belohnungen.
2. Verknüpfen Sie das Markersignal mit einer intermediären Brücke (optimal).
3. Entspannen Sie Ihren Hund und verbinden Sie diesen Zustand mit einem Entspannungssignal.
4. Überlegen Sie, was die Funktion unerwünschten Verhaltens im einzelnen Fall ist. Möchte der Hund zu etwas hin? Etwas haben? Oder möchte er von etwas entkommen? Wie könnten Sie dies als Verstärkung erwünschten Verhaltens nachahmen? Distanzvergrößerung ist meistens einfach und auch auf schmalen Wegen möglich. Aber wie kann man sich bewegen, wenn der Hund zu etwas hinmöchte? Welche Möglichkeiten gibt es, das Bedürfnis nach Hetzen zu befriedigen?
5. Praktizieren Sie „Zeigen & Benennen“ mit Reizen, die kein unerwünschtes Verhalten auslösen: Markieren und belohnen Sie, wenn der Hund sich zum Reiz orientiert. Praktizieren Sie unbedingt die Lauerübung! Sie macht nicht nur viel Freude, sondern bereichert auch die Belohnungskiste ungemein.
6. Fügen Sie die Benennung ein:
Orientierungsverhalten – Benennung, zum Beispiel „Ding“ – Marker – Verstärkung
7. Beginnen Sie die Arbeit an schwachen Auslösern unerwünschten Verhaltens. Lassen Sie zu Beginn die Benennung weg, konzentrieren Sie sich auf den funktionalen Verstärker.
Orientierungsreaktion – Markersignal – funktionaler Verstärker
8. Entwickeln Sie aus funktionalen Verstärkern Alternativverhalten für den Hund. Diese können Sie mit der intermediären Brücke unterstützen.
9. Auch das Entspannungssignal verbessert das Lernklima für Ihren Hund, besonders wenn es vor der Ausführung alternativer Verhaltensreaktionen gegeben wird.
10. Fügen Sie prinzipiell die Benennung für den Auslöser in Situationen ein, in denen Ihr Hund sich entspannt aufmerksam nach dem Auslöser orientiert und bereit ist für alternatives Verhalten:
Orientierungsreaktion – Benennung – Markersignal – funktionales Alternativverhalten
Die häufigsten Fehler
Typische Fehler legt sich der Hundehalter als Stolpersteine selbst in den Weg, wenn er „Zeigen & Benennen“ nicht kleinschrittig durchführt, „nur einmal ausprobiert“ oder er außer Futter keine anderen Verstärker kennt.

Stolperstein 1
Wenn Sie sofort mit den stärksten Auslösern beginnen, werden Sie viel zu oft das unerwünschte Verhalten auslösen.

Stolperstein 2
Die Benennung wird eingefügt, obwohl der Hund angespannt und erregt ist. Dadurch wird die Benennung mit Aufregung verknüpft; später kann dann die Benennung allein beim Hund das unerwünschte Verhalten auslösen.

Stolperstein 3
„Zeigen & Benennen“ wird durchgeführt, aber der Hund mit Futter in der Situation gehalten, obwohl er eigentlich der Situation entkommen möchte. Nähert sich der Auslöser weiter, kann das unerwünschte Verhalten besonders stark auftreten!

Stolperstein 4
Der Aufbau alternativen Verhaltens wird komplett weggelassen; der Hund lernt lediglich, lange stehen zu bleiben und nach dem Auslöser zu schauen. An Wild können Sie so ein Vorstehen sensationell verlängern, denn Wild beobachten ist bei Jagdverhalten funktional. Sind aber andere Hunde Auslöser, so ist lange hinschauen nicht zielführend, weil es schnell bedrohlich wirken kann.

Stolperstein 6
Die Benennung wird gesagt, wenn der Hund bereits mit dem unerwünschten Verhalten begonnen hat. Das ist ein bisschen spät – der Hund weiß bereits, was er vor sich hat!

Stolperstein 7
Mit „Zeigen & Benennen“ wird erst dann begonnen, wenn die Bezugsperson meint, dass die Situation jetzt schwierig für den Hund wird. Beginnen sie mit dem Ablauf bereits bei der ersten Orientierungsreaktion des Hundes – unabhängig von der Distanz!

Stolperstein 8
Die Vergrößerung der Distanz zwischen Hund und Auslöser wird in Situationen eingesetzt, in denen der Hund eigentlich zum Auslöser hin möchte. Durch diese falsche Einschätzung wird Frustration erzeugt, die schnell zu aggressivem Verhalten führen kann.

Stolperstein 9
Sie lassen den Hund länger in der auslösenden Situation, weil er einen entspannten Eindruck macht. Aber Ihr Hund übt gerade Impulskontrolle aus; dies ist anstrengend für ihn. Vergessen Sie nicht, dass kleine Pausen wichtig sind.

Stolperstein 10
„Zeigen & Benennen“ vermittelt Tieren mehr emotionale Kontrolle. Sie lernen, in verschiedenen Situationen alternatives Verhalten zu zeigen, obwohl dieses nicht ihre erste Wahl gewesen war. Verhalten, das erhalten werden soll, muss verstärkt werden! Vergessen Sie bitte nicht, Ihrem Hund eine positive Rückmeldung zu geben, wenn er das erlernte Verhalten zeigt. Sonst sind Rückschritte vorprogrammiert.

Beobachten Sie Ihren Hund und markieren Sie die erste Umorientierung zum Auslöser hin. Fangen Sie damit akzeptables Verhalten ein und verstärken es passend zur Motivation des Hundes. Unterstützen Sie so Ihren Hund in schwierigen Situationen. „Das Verhalten des Hundes ist ein Produkt aus Genetik, Erfahrung und aktuellen Bedingungen. Nichts davon hat er sich ausgesucht“ (Zitat Kayce Cover)!

 

Dr. Ute Blaschke-Berthold…
… Dipl. Biologin, widmete sich nach der Promotion voll und ganz der angewandten Verhaltensforschung und ihren Favoriten, den Haushunden. Nach der Gründung einer Kyno-Praxis für Verhaltenstherapie wurde schnell deutlich, dass gut informierte und sinnvoll trainierte Hundebesitzer die beste Vorbeugung gegen Verhaltensprobleme bei Hunden sind – so entstand aus der Praxis heraus die CumCane Hundeschule.
Ihre Trainingsansätze beruhen auf einem naturwissenschaftlichen Ansatz, wobei zusätzlich zu dem ständig aktualisierten Fachwissen auch eine immer wieder gezielt trainierte Beobachtungsfähigkeit die Basis bildet. CumCane bietet neben Hundeschulkursen auch Seminare und interaktive Onlinekurse für engagierte Hundehalter und Trainer an.

Weitere Informationen:
www.cumcane.de