Wie Wölfe jagen

+++ LESEPROBE aus der SPF 62 +++

von Dr. Lina Oberließen

Das Jagdverhalten von Wölfen ist spannend, komplex, organisiert und in vielerlei Hinsicht beeindruckend. Um als Jäger erfolgreich zu überleben, braucht es eine ganze Reihe jagdlicher Kompetenzen, zum Beispiel ein gutes Einschätzungsvermögen, Geduld, körperliche Fitness und die Fähigkeit, sich in der Gruppe zu koordinieren. Trotz der nicht zu verleugnenden Verwandtschaft von Wolf und Hund unterscheidet sich die Art und Weise, wie Wölfe jagen, in vielerlei Hinsicht vom Jagdverhalten unserer Hunde. Die Domestikation hat Spuren hinterlassen und das nicht ohne Grund.

 

Eine große Jägerin

Gespannt wie ein Flitzebogen und völlig bewegungslos steht Jungwölfin Kaya am Rande einer weitläufigen Wiese und starrt auf den Boden. Die rechte Vorderpfote schwebt über dem Boden, den Kopf hält sie leicht schief. Die Sekunden vergehen, Kaya rührt sich nicht. Lediglich ihre Rückenhaare biegen sich synchron mit den Grashalmen im leichten Wind. Dann kommt der Sprung. Wie aus dem Nichts hebt der ganze Wolf ab und schnellt mit den Vorderpfoten voran zurück in Richtung Boden. Blitzschnell ruckt der Kopf nach unten, etwas wird gepackt. Kurz darauf richtet sich Kaya wieder auf. Sie sieht sehr zufrieden aus und kaut. Von der kleinen Maus ist nur noch der Schwanz sichtbar, der seitlich unter der Wolfslefze herauslugt und langsam verschwindet.

 

Früh übt sich

Zugegeben, Mäuse sind vermutlich nicht die erste Beute, die einem beim Thema wölfisches Jagdverhalten in den Sinn kommt. Dennoch haben insbesondere junge Wölfe Spaß an der Mäusejagd und können dabei Schnelligkeit und Geschick lernen. Kaya und ihre beiden (Zieh-) Geschwister, die bei uns am Wolfsforschungszentrum im Wildpark Ernstbrunn in Österreich leben, haben bereits im zarten Alter von zwei Monaten mit Jagdversuchen auf kleine Nagetiere, Vögel und auch Insekten im Gehege begonnen. Es hat nicht lange gedauert, bis sie erste Erfolge verzeichnen konnten. Kaya hat ihre erste Meise mit drei Monaten erwischt; eine beachtliche Leistung, wenn man die Schnelligkeit von Vögeln bedenkt. Größere Beutetiere jagen unsere Wölfe in Ernstbrunn nicht. Wir füttern sie mit bereits toten Futtertieren. Die Lebendfütterung ist, abgesehen von wenigen Ausnahmen, gesetzlich verboten und dies aus gutem Grund: Die Beutetiere hätten im Gehege nicht den Hauch einer Chance zu entkommen – es wäre Tierquälerei.

 

Warum jagen Wölfe?

Ob unseren Wölfen in ihrem Leben etwas fehlt, wenn sie nicht mehr als Mäuse und Vögel jagen können, lässt sich nicht final beurteilen. Fragen können wir sie schließlich nicht. Dennoch spricht einiges dafür, dass Wölfe nicht des Jagens wegen jagen. Vielmehr tun sie es, um ausreichend Nahrung zum Überleben zu generieren. Wenn sich ihnen die Gelegenheit bietet, bedienen sich auch wildlebende Wölfe gerne an Aas und lassen die Jagd bereitwillig einmal ausfallen (Peterson & Ciucci, 2003). Der Hunger, oder besser gesagt die Sicherstellung der Nahrungsversorgung, scheint die treibende Kraft hinter den wölfischen Jagdambitionen zu sein. Dennoch werden bei der Jagd sehr wahrscheinlich Dopamin, Endorphine und andere Hormone im Gehirn ausgeschüttet, die positive Gefühle erzeugen. Das lässt sich am lebenden Wolf in Aktion aber schwerlich messen.

 

Zu viel Mut tut selten gut

Durch Freilandbeobachtungen ist bekannt, dass Wölfe bei der Jagd sehr überlegt und vorsichtig vorgehen. Sie vermeiden unnötige Risiken und präferieren meist alte, kranke, geschwächte oder sehr junge Tiere. Sind Beutetiere wehrhafter oder schneller als erwartet, brechen Wölfe Jagden aktiv ab (Mech, 1970). Aus Wildtierperspektive ist das mehr als sinnvoll. Bei der Auseinandersetzung mit einem sehr kräftigen Beutetier verletzt zu werden, kann für einen Wolf das Todesurteil bedeuten. Die Hufe von Elch, Hirsch und Co. sind gefährliche Waffen. Auch Hörner und Geweihe können großen Schaden anrichten. Das lange Hetzen von Beutetieren, die zu schnell und zu ausdauernd sind, um sie realistisch zu erwischen, ist ebenfalls eine dumme Idee. Zwar ist es nicht übermäßig gefährlich, es stellt aber eine enorme Energieverschwendung dar, die sich ein Wildtier nicht leisten kann. Wölfe wägen daher sehr genau ab, ob eine Jagd Aussicht auf Erfolg hat oder nicht und stürzen nicht kopflos jedem Tier hinterher, das potenziell fressbar ist.

 

Futterverstecke anlegen

Bietet sich die seltene Gelegenheit, dass viele vulnerable Beutetiere zur Verfügung stehen, jagen Wölfe durchaus mehr, als sie fressen können. Auch bei sehr großen Beutetieren, wie Bisons oder Elchen, bleibt von der üppigen Mahlzeit meistens etwas übrig. Zwar kann ein hungriger Wolf problemlos über 10 Kilogramm Fleisch in atemberaubender Geschwindigkeit verdrücken, bei einem 600 Kilogramm schweren Bison bleibt aber auch dann etwas übrig, wenn sich das ganze Rudel satt frisst. In diesem Fall legen Wölfe Futterverstecke an, von denen sie sich eine Zeit lang ernähren können; zumindest dann, wenn kein anderer Beutegreifer, wie beispielsweise ein Bär, ihnen die Reste streitig macht.

 

Auch Wölfe im Gehege „hamstern“

Auch unsere Wölfe am Wolfsforschungszentrum vergraben ihre Portionen, wenn diese größer als der Hunger sind. Taucht dann ein Huhn oder ein Rehbein nach zwei Wochen wieder auf, ist die Freude bei den Vierbeinern groß, besonders dann, wenn nach einem Gehegewechsel das Futter eines anderen Wolfes ans Tageslicht befördert wird. Bei uns Menschen überwiegt der Ekel. Unsere Magensäure ist, anders als die der Wölfe, nicht dazu in der Lage halb verwestes Fleisch zu verdauen. In der Fachsprache wird es übrigens als „surplus killing“ bezeichnet, wenn phasenweise mehr gejagt wird, als umgehend gefressen werden kann. „Surplus“ bedeutet Überschuss und dieser wird für schlechte Zeiten bei Seite oder besser gesagt unter die Erde gelegt, entweder am Stück oder in wieder hervorgewürgter Form.

 

Wie jagen Wölfe

Wie aber sieht nun eine Wolfsjagd aus? (…)

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