Der Superschlachtruf

+++LESEPROBE aus der SitzPlatzFuss 62+++

von Dagmar Spillner

Seit der Eröffnung meiner Hundeschule Ende der 90er Jahre zählt der zuverlässige Rückruf – neben der Leinenführigkeit und Herausforderungen bei Begegnungen – bis heute zu den am häufigsten nachgefragten Trainingszielen von Hundehaltenden.
Ein zuverlässig zurückkommender Hund bedeutet für den Alltag, dass er mehr Freiheit genießen kann, Menschen entspannter sind und der Spaziergang beiden Seiten Spaß macht.

Training vs. Bedürfnisse
Trotz motivierter Menschen, vielen Übungen im Alltag und Hunden, die überwiegend durch gute Leckerchen zu begeistern waren, waren die Ergebnisse des Rückruf-Trainings durchwachsen. In einigen Fällen war die Häufigkeit der Übungen hinderlich. Hunde haben draußen nur begrenzte Zeitfenster zur Verfügung. Nur in dieser Zeit können sie sich ausreichend bewegen, sich versäubern und hoffentlich in aller Ruhe schnüffeln. Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht. In dem Bestreben zu üben und sich mit dem Hund zu beschäftigen, wird der gerade abgeleinte Hund, kaum dass er sich fünf Meter entfernt, schon das erste Mal abgerufen. Einige Kunden haben berichtet, dass der Rückruf am Anfang des Spaziergangs schlecht funktioniert, mittendrin ganz gut und gegen Ende wieder gar nicht. Auf meine Frage, wie oft die Kund*innen im Durchschnitt üben, kamen wir häufig auf mehr als zehnmal pro Stunde.
Ich stelle mir das in etwas so vor: Ich habe abends Feierabend gemacht und kuschele mich mit einem Buch auf das Sofa, da werde ich in die Küche gerufen. Ich stehe auf, gehe gucken und bekomme eine Süßigkeit. Okay, danke, nett. Kaum liege ich wieder, ertönt der nächste Ruf. Ehrlich gesagt will ich keine weiteren Süßigkeiten, schließlich gibt es nachher Essen, aber ich hätte Lust auf ein Glas Wasser. Ich gehe in die Küche und bekomme eine weitere Süßigkeit. Jetzt will ich aber wirklich zurück zu meinem Buch, darauf habe ich mich schon den ganzen Tag gefreut. Das Glas Wasser schenke ich mir selbst ein und nehme es mit. Ich habe das Sofa noch gar nicht erreicht, als ich erneut gerufen werde. Ich wüsste ich genau, was ich im realen Leben jetzt zum dem nervenden Menschen sagen würde und was ich auf gar keinen Fall täte, nämlich erneut in die Küche zu gehen. Ich gucke nur nochmal in die Küche, als ich auf dem Weg ins Badezimmer daran vorbeilaufe und erneut gerufen werden. Später bin ich so in mein Buch vertieft, dass ich die Rufe aus der Küche einfach ausblende.

Falsche Erwartungen
Ein Grund dafür, dass der Hund nicht fröhlich und verlässlich dem Rückruf im Alltag folgt, waren übermotivierte Trainingsversuche und die immer gleiche Belohnung. Natürlich gibt es auch die Teams, die außerhalb der Hundeschule wenig bis gar nicht üben und den Rückruf dann in Situationen erwarten, den ich Abiturprüfung nenne. Egal in welchem Alter ein Hund einzieht, wir kennen uns noch nicht und in dem Fall ist der Hund automatisch in der Vorschule. In der Vorschule üben wir den Rückruf im Haus, draußen läuft der Hund an der Schleppleine und vielleicht versuche ich mein Glück am Ende einer erfüllten Spazierrunde, wenn er zwei Meter neben mir am Auto steht. Menschen gehen leider oft davon aus, dass ein Hund dreimal einem Ruf gefolgt ist und jetzt an jedem Ort und unter jeder Ablenkung weiß, was zu tun ist und das auch umsetzt. So funktioniert Training leider nicht. Generalisieren bedeutet, dass ich unter steigender Ablenkung viele Monate das erwünschte Verhalten in verschiedenen Kontexten trainiere. Habe ich diesen Aufbau nicht, dann kann schwerlich vom Hund erwartet werden schnell zurückzukommen, wenn er einen Artgenossen sieht, ein Hase aufspringt oder der Hund bis zur Halskrause in einem Mauseloch verschwunden ist.

Rückruf plus Superschlachtruf
Natürlich gab es auch zahlreiche Teams, die mit viel Struktur und Freude den Rückruf erfolgreich trainiert haben. Ich habe immer wieder darüber nachgedacht, ob ich es dabei belasse, dass es bei manchen Teams gut klappt, bei einigen hin und wieder und bei wenigen gar nicht. Letztere haben oft keine andere Möglichkeit gesehen, als den Hund lebenslang angeleint auszuführen. In dieser Zeit habe ich intensiv überlegt, was ich bei meinen eigenen Hunden, möglicherweise unbewusst, anders mache. Ein unverzüglich umkehrender Hund war mir schon immer wichtig, besonders in brenzligen Situationen. Am konsequenten, häufigen Üben hat es nicht gelegen. Ich verrate Ihnen jetzt ein offenes Geheimnis: Ich bin trainingsfaul. Es gibt nur wenig Dinge im Zusammenleben mit Hunden, die für mich relevant sind. Nur wenn mich etwas im Alltag extrem stört, mein Hund leidet (weil er mit wiederkehrenden Situationen nicht adäquat umgehen kann) oder wir eine Gefahr für die Umwelt darstellen, mache ich Trainingspläne. Die meisten hündischen Verhaltensweisen finde ich normal bis niedlich und störe mich nicht daran.
Nach intensivem Austausch mit Kolleg*innen zum Thema Rückruf, kristallisierte sich etwas heraus, dass heute unter dem Namen Superschlachtruf, SuSi (Super-Signal) oder Notfallrückruf zu finden ist. Es ist mir wichtig, dass Menschen verstehen, dass idealerweise beides nebeneinander existiert. Ein alltagstauglicher Rückruf, den ich jeden Tag 1- bis 3-mal übe und mein Superschlachtruf für Situationen, in denen der Hund wirklich sofort abdreht, auf schnellstmöglichem Weg zu mir zurückkommt und so lange bleibt, bis ich ihn anleinen kann. Ich empfehle nie nur eins von beidem.

Beginnen wir mit dem Aufbau!
Am Anfang steht eine menschliche Überlegung. Möchte ich den Schlachtruf mit einer Pfeife oder einem gerufenen Wort verbinden? Beides hat Vor- und Nachteile. Eine Pfeife kann ich zu Hause vergessen, ich brauche einige Sekunden, bis ich sie von meinem Hals oder Handgelenk in den Mund befördert habe und es kann sein, dass ich unter Stress die Pfeife so weit in den Mund schiebe, dass kein Ton zu hören ist. Oder plötzlich kommen viele Hunde zu mir gelaufen, weil das Model 0815 von allen Hundeleuten gekauft wird. Die Vorteile sind, dass auch bei schwierigen Wetterbedingungen eine Pfeife gut und weit hörbar ist.
Meinen Mund habe ich immer dabei, also ist ein gesprochenes Wort möglich. Es sei denn, ich erkranke und bringe keinen Ton heraus. Auch laute Menschen kommen nicht gegen die Hörbarkeit einer Pfeife an, andere bekommen es einfach nicht hin, den Hund laut aber freundlich zu rufen. Entscheiden Sie sich bitte für ein Wort, dass Sie nicht schon im Alltag benutzen. Schön wäre ein Wort, dass sich freudig laut ausrufen lässt und das den Hund einlädt, schnell zu Ihnen zurückzulaufen. Meine kreativen Kund*innen nutzen Wörter wie Bingo, Tschakka, Schnapp mich oder Juchuuuuu.
Entscheiden Sie nach ihrem Gefühl, was für Sie am besten ist. Sie können im Aufbau auch von Pfeife zu Wort wechseln oder später die jeweils andere Rückrufart mit dazu nehmen, so dass ihr Hund die Pfeife und ein Wort als Schlachtruf kennt.
Wenn Sie die Frage nach dem Signal für sich klären konnten, überlegen Sie weiter, welche Superbelohnung für Ihren Hund zukünftig ausschließlich für den Schlachtruf zur Verfügung steht. Wir müssen jetzt stark sein: Es geht nicht darum, was Sie als gut erachten. Es geht darum, wofür ihr Hund einen Radschlag mit Flickflack macht. Einige Hunde machen es uns leicht, weil sie alles gerne fressen. Trotzdem haben auch diese Hunde einen Geschmackssinn und wissen durchaus eine hohe Wertigkeit des Futters zu schätzen. Für viele Hunde hat sich Katzenfutter bewährt, weil es folgende Kriterien erfüllt: Ich kann es ausgezeichnet immer mitführen (weil es kleine Quetschbeutel mit langer Haltbarkeit gibt), der Hund bekommt es wirklich nur für die Schlachtrufübung und Katzenfutter hat eine sehr hohe Attraktivität für sehr viele Hunde. Bitte passen Sie die Menge an, wenn Sie einen sehr kleinen Hund haben oder entscheiden Sie sich für etwas anderes, wenn ihr Hund Allergiker ist.
Futter muss also diese Bedingungen erfüllen: Sie müssen es immer mitführen können, der Hund muss verrückt danach sein und diese spezielle Belohnung gibt es für keine anderen Übungen oder Aufgaben.
Die Vorbereitungen sind abgeschlossen, jetzt geht es an die Praxis. (…)

Den vollständigen Artikel findest du in der SitzPlatzFuss Ausgabe 62, die du im Cadmos-Shop als Einzelheft bestellen kannst. Oder schließ doch gleich ein Abo ab, spare bei jedem Heft und den Versandkosten und bekomme eine tolle Prämie!

 

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