– Anzeige –

Stellungnahmen zum Artikel „Lernvorgänge“ – SPF 09

Ich bin ein ganz normaler Hundemensch, weiblich, bei dem zurzeit zwei Australien Shepherds und zwei Shelties ihr zu Hause gefunden haben. Agility und Obedience sind meine Lieblingsbeschäftigungen mit ihnen, aber auch die notwendigen BH – Prüfungen haben wir hinter uns gebracht. So habe ich den Artikel „Lernvorgänge“ mit Spannung gelesen.

Nehme ich die Anregungen von Ina Hildenbrand auf, so verkneife ich mir die Bücher und damit verbreiteten Methoden selbst ernannter Gurus und Hundeflüsterer. Laut der  Tierpsychologin, die selbst sehr wohl Bücher über Hundeerziehung schreibt, bedarf es ganz einfach des fundamentalen Verständnisses: Wie lernt der Hund?

Zitat: „…die lerntheoretischen Grundlagen sagen uns also, wie das Lernen beim Hund funktioniert, vergleichbar mit der Bedienungsanleitung für einen Herd….“

Außerdem entbindet sie uns Hundelaien von der Verantwortung, sich mit  „ Fachliteratur zu beschäftigen, die uns verwirrt, sich mit seltsamen Reiz – Reaktionsmustern oder anderen umständlich klingenden Dingen“ abzugeben. Nein, ich darf darauf bauen, dass mir Frau Hildenbrand alles verständlich und umsetzbar erklärt.

Sie entbindet uns allerdings nicht von der Verantwortung dafür, bei Problemen den Fachmann zu befragen und ihn, vor allem, zu erkennen. Ich frage mich allerdings, wie ich einen Fachmann erkenne, wenn ich nicht selber grundsätzliches physiologisches Wissen um das Lernverhalten meines Hundes habe.

Wenn ich als Hundebesitzer das Hormon Dopamin für ein Lutschbonbon halte, Meideverhalten mit erwünschter Folgsamkeit verwechsle, noch nie von selbstbelohnenden Verhaltensstrukturen gehört habe, dann, lass mich raten, werde ich auf viele Hundetrainer und deren einzig richtige Methoden hereinfallen.

Hat Frau Hildenbrand eigentlich ihre eigenen“ Methoden“ schon hinterfragt, nach neuesten Standard der Lerntheorie?

Ich trainiere seit 1996 mit jedem meiner Hunde für die VDH-Begleithundeprüfung. Ich kann mich gut daran erinnern, wie das anno dazu mal ablief. Ich bin mir sicher, dass das heutzutage anders gehandhabt wird, und zwar ohne „sanftes Hinunterdrücken des Hinterteils“. Ich selbst habe beruflich mit behinderten Kindern gearbeitet, ein passives Erarbeiten von Bewegungen ist sinnlos, gefragt ist aktives Erlernen einer Position oder eines  Bewegungsablaufes.

Welch ein Glück, wenn ich mich als Hundelaie vorher schlau darüber mache, was unter dem Fachausdruck „Meideverhalten“ zu verstehen ist. Dann kann ich den guten Trainer, den  „Fachmann“ erkennen. Dann kann ich es richtig einordnen, wenn mir Ina Hildenbrand  innerhalb eines Artikels zuerst erklärt: „der Hund lernt nicht unter Angst und Stress“, aber nur wenige Zeilen später handfeste Klapse und Rucke empfiehlt, damit der Spaziergang mit einem an der Leine ziehenden Hund nicht „halbherzig durch ständiges Zerren und Schimpfen verdorben wird.“

Vielleicht wäre ein richtiges Clickertraining bei einem Fachmann etwas für Frau Ina Hildenbrand. Vielleicht könnten dann Grundkommandos richtig eingeübt werden? Positives Verhalten an der Leine beclickt und verstärkt werden? Um beim Clickertraining nach Ina Hildenbrrand zu bleiben: Ich bin kein Fachmann, aber im Traum würde mir nicht einfallen, ein „Sitz, Platz, Pfötchengeben“  mit dem Clicker zu bestätigen, wenn ich gerade das Apportieren üben würde. Ich bin verwirrt.

Auch schade, dass die Autorin uns nicht die „höheren Säugetiere“ nennt, die „besser als Hunde über Nachahmung lernen“. Es würde mich tatsächlich interessieren. Ich kenne  Schäfer, die zum Beispiel sagen, ein zukünftiger Hütehund läuft im ersten Jahr nur mit und schaut einem älteren, erfahrenen Hütehund zu. Aber wahrscheinlich weiß der Schäfer nur nicht, was er sonst mit dem Welpen anfangen soll.

Selten hat mich ein Artikel so betroffen gemacht, vor allem, weil er in dieser Zeitschrift  erscheint. Gerade dieser Artikel, geschrieben von einer Tierpsychologin, unterstützt das falsche Bild vom Hund, der mit einer „Bedienungsanleitung“ erzogen werden kann, Lernverhalten des Hundes, auf ein simples Niveau gebracht.

Emotionale Intelligenz, sich selbstbelohnendes Verhalten, soziale Strukturen, hormonelle Vorgänge und genetische Veranlagungen, alles beeinflusst das Erziehen des Hundes und nötigt mir den notwendigen Respekt ab. Im Laufe meines „Hundelebens“ sind mir viele Bücher und ihre Schriftsteller ans Herz gewachsen und haben mich mehr oder minder beeinflusst. Seien es TellingtonTouch, Turid Rugaas oder Karen Pryor, und ich glaube nicht, dass ihnen Ina Hildenbrand gerecht wird, wenn sie schreibt (natürlich ohne Namen zu nennen), Zitat: „…egal, ob sie ihrem Hund glauben die Schnauze lecken zu müssen oder die Ohrspitzen zu massieren, oder dieses oder jenes Zubehör benutzen, die Lernfähigkeit des Hundes werden wir damit nicht verändern.“

Ich bin kein Mensch, der „auf der Couch sitzt und auf die Wunderlösung wartet“ (Zitat Hildenbrand). Ich informiere mich. Und ganz bestimmt werde ich morgen früh einen langen Spaziergang mit meinen Hunden machen, und diesen Artikel einfach vergessen.

Ich freue mich auf die nächste  Ausgabe meiner Lieblingszeitschrift: SitzPlatzFuss!

Ursula Ziemsen