Apportieren macht Spaß – oder vielleicht doch nicht? Vronis Ausbildung zum PTBS-Assistenzhund Teil 3

Von Uschi Loth

In den SPF-Ausgaben 16 und 17 haben wir Ihnen Peter Mittler vorgestellt, der mithilfe von Uschi Loth seine Pudelhündin Vroni zum Assistenzhund für Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) ausbilden möchte. Wir werden das Team auf ihrem Weg begleiten. Diese Leseprobe aus der SPF 18 gibt einen kleinen Einblick, wie es weitergeht – den vollständigen Artikel finden Sie im aktuellen Bookazin!

Bei Assistenzhunden, die Menschen mit körperlichen Behinderungen begleiten, ist es meist unumgänglich, dass der Hund Dinge aufhebt, bringt und an gewünschten Orten wieder ablegt. Doch wie ist das bei einem PTBS-Patienten? Wir fragten uns im Rahmen von Vronis Ausbildung, ob die Pudelhündin in dieser Hinsicht etwas lernen sollte und müsste.

Eigentlich kann Herr Mittler diese Dinge alle selbst tun. Dennoch regte ich an, er solle frühzeitig mit Vroni ein Futterbeuteltraining aufnehmen, denn manchmal kristallisieren sich Wünsche an den Hund erst im Lauf des Trainings heraus. Doch das gestaltete sich schwieriger als gedacht. Von meinen eigenen Briards bezüglich Apportierarbeit verwöhnt, musste ich feststellen, dass die kleine Vroni sich hier zunächst verweigerte. Herrn Mittlers Kommentar: „Sie hasst den Futterbeutel“, hätte ich zwar so nicht formuliert, aber um hier keine unauslöschlichen Aversionen aufzubauen, legte ich den Futterbeutel schweren Herzens für eine Weile auf Eis. Oft ändert sich die grundsätzliche Einstellung des Hundes zum Tragen nach vollendetem Zahnwechsel.

Foto: Frank Kauffeldt
Foto: Frank Kauffeldt

Wir kauften einen weichen Ball aus dem Kinderspielbereich und hatten schon nach kurzer Zeit Erfolg. Vroni liebte den Ball, holte ihn und lieferte ihn auch brav ab. Ein erster Schritt war getan. Diese Apportiererfolge wollten wir natürlich recht bald generalisieren und so fielen uns ständig neue Dinge ein, die Vroni bringen sollte: Stofftiere, Geldbörsen, Taschentuchpackungen und vieles andere mehr. Und dann kam der Tag, an dem Herr Mittler mir strahlend mitteilte, dass er nun auch einen echten Apportierwunsch habe. Er hatte eine wunderschöne und zugleich praktische Tasche gesponsert bekommen, deren Haltegriff herausnehmbar war (Ernl-Tasche). Dies sollte seine Notfalltasche werden. Der Haltegriff war durch einen Gummiüberzug weich gestaltet. Vroni lernte schnell, dieses „Stöckchen“ zu apportieren. Im ersten Schritt wurde das „Stöckchen“ geworfen, um Bewegung in das Apportel zu bekommen. Sobald Vroni das begriffen hatte, musste sie warten, während wir den Haltegriff nur noch auslegten. Beide Übungen klappten schon nach wenigen Wiederholungen. Schwieriger gestaltete es sich dann, als wir den Haltegriff wieder mit der Tasche vereinten. Vroni tanzte um die Tasche herum und traute sich nicht mehr, den Haltegriff ins Maul zu nehmen. Ich hatte das fast erwartet, aber manchmal überraschen einen die Hunde und tragen völlig unbeeindruckt gleich die ganze Tasche. Vroni nicht. Wir lösten den Haltegriff wieder heraus und begannen, ihn langsam der Tasche räumlich anzunähern. Inzwischen holte sie ihn von der Tasche weg und hatte hier keinerlei Berührungsprobleme mehr. Im nächsten Schritt fixierten wir an den beiden Enden des einfachen stockähnlichen Haltegriffs ein bewegliches, flatterndes Gästehandtuch. So sollte sie langsam auf das Tragen der gesamten Tasche vorbereitet werden, was auch gut gelang. Nach circa zwei Wochen war Vroni in der Lage, die zukünftige Notfalltasche von ihrem angestammten Platz in der Wohnung in jedes beliebige Zimmer zu Herrn Mittler zu bringen. Natürlich haben wir diese Übung später generalisiert und auch im Hundezentrum geübt.

Mit Vronis wachsender Begeisterung für den Apport dieser Tasche wuchs auch die Notwendigkeit, ihr ein „Wartesignal“ beizubringen. Vroni musste lernen, dass die Tasche zwar immer an einem bestimmten Platz steht, sie aber nur gebracht werden darf, nachdem Vroni dazu aufgefordert wurde. Nicht ganz einfach, wenn man dem Hund gerade erst das Tragen dieser Tasche extra schmackhaft gemacht hat. Vroni konnte jedenfalls gar nicht mehr genug davon bekommen, mit der Tasche im Maul im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen.

Also wurde die Tasche zunächst nach jeder Übungseinheit sorgfältig weggeräumt, damit sich die Übung nicht verselbstständigte. Dann führten wir mit ihrem geliebten Ball das Signalwort „Der wartet“ ein: Vroni bekam ein Hausleinchen an ihr Geschirr, wurde mit den Worten „Der wartet“ an dem Ball vorbeigeführt und durfte nach wenigen Schritten umkehren und auf Kommando den Ball holen. Schon bald brauchten wir keine Hausleine mehr dafür und die Distanz zum Ball konnte ständig erhöht werden. Vroni hatte verstanden, dass ihr dieses Signalwort Geduld abverlangte, sie aber bestimmt irgendwann zu ihrem Ball durfte. Nach einer Woche Training konnten wir das Signalwort auch für die Tasche verwenden. Diese hat nun in Herrn Mittlers Wohnung einen festen Platz und wurde mit „Die wartet“ belegt. Vroni hat nur einmal versucht, sie ohne Aufforderung zu holen. Dann muss man allerdings hart bleiben und die Tasche kommentarlos wieder zurückstellen, auch wenn der Hund noch so begeistert tut.

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Foto: Franck Kauffeldt

Schon fast ein Profi

Ich war beeindruckt davon, mit welcher Herzlichkeit wir in allen Geschäften unseres Ortes aufgenommen wurden. Das haben wir natürlich genutzt und alle Einkäufe für die Familie gemeinsam mit Vroni gemacht. Waren wir anfangs noch nebeneinanderher gegangen, während ich Vroni an der Leine und Herr Mittler sich schwitzend am Einkaufswagen festhielt, so gehen die beiden inzwischen schon souverän zusammen durch die Gänge aller unserer Supermärkte und Vronis Leine hängt locker durch.

Bleibt Herr Mittler stehen, so setzt oder legt sich sein Hund, je nach Wunsch. Anfangs waren die beiden oftmals noch ein Hindernis für andere Kunden, weil Vroni quer im Gang lag und Hund, Einkaufswagen und Mensch zu viel Platz zwischen zwei Supermarktregalen beanspruchten. Dank sei all den Kunden und dem Personal, die hier Geduld mit uns hatten. Meine Aufgabe bestand sehr bald darin, Vroni durch meinen Aufenthaltsort eine Art natürliche Begrenzung zu geben, sodass sie sich nur platzsparend hinter ihren Herrn legen konnte. Die kluge Hündin verstand schnell. Inzwischen gehen die beiden schon sehr selbstsicher durch die Gänge. An jeder Kurve hört man Herrn Mittler seinen anvisierten Weg mit „Rechts“ oder „Links“ ankündigen und Vroni geht präzise mit.

Musste ich anfangs noch häufiger korrigieren, wenn die junge Hündin zu den Regalen oder zu Passanten eine „lange Nase“ machte, so geht sie inzwischen nahezu perfekt neben dem Wagen her bis an die Kasse. Ja, die Kasse, sie hat sich von der anfänglichen Angstphase zu Herrn Mittlers Lieblingsort gemausert.

Als wir das Training begannen, hatten wir besprochen, dass Herr Mittler mit Vroni zum geparkten Auto gehen sollte, falls ihn die Kassensituation mit zu vielen Menschen auf zu engem Raum überfordern sollte. Unsicher schielte er immer wieder zur Kasse, um einen günstigen Moment abzuwarten. Inzwischen haben wir hier Abhilfe geschaffen. Vroni liegt quer hinter Herrn Mittler und bleibt dort jeweils so lange liegen, bis er sie wortlos, nur über Handzeichen zu sich heranwinkt. Welchen Abstand er jeweils braucht, hängt von seiner Tagesform ab. Vroni liegt gelassen da und hat nur Augen für ihn. An manchen Tagen sperrt sie so den gesamten Kassenbereich für ihn ab. Meine Aufgabe besteht dann darin, den wartenden Kunden die Aufgabe des Assistenzhundes Vroni im Allgemeinen und hier an der Kasse im Speziellen zu erklären. Wir bedanken uns für die Geduld und haben nie böse Worte erlebt. Hin und wieder passiert es mir inzwischen, wenn ich tatsächlich mal ohne Hund einkaufen gehe, dass enttäuschte Kunden fragen, wo denn der tolle Assistenzhund sei.

In den Geschäften ist Vroni also schon ein echter Profi und ich beginne, mich jedes Mal ein wenig weiter von den beiden zu entfernen, damit sie das bald auch ganz ohne mich schaffen. Anfangs hat das Vroni stark verunsichert, denn sie war es gewohnt, dass ich in ihrer Nähe war. Oder war es eher Herr Mittler, der verunsichert war, und Vroni reagierte nur auf seine Empfindungen? Wie alles, muss auch diese Abnabelung geübt werden. (…)

— LESEPROBE — Den vollständigen Artikel finden Sie in der SPF 18, die Sie im Cadmos-Shop als Einzelheft mit kostenlosem Versand bestellen können: http://www.cadmos.de/sitzplatzfuss18.html

 

Uschi Loth …

… studierte Tierpsychologie und Verhaltenstherapie, absolvierte eine zusätzliche Ausbildung zur Servicehund- und Blindenführhundtrainerin und bildet Diabetikerwarnhunde und Assistenzhunde aus. In ihrer Hundeschule „Hundezentrum Siegerland“ beschäftigt sie sich mit der Ausbildung sowie körperlichen und geistigen Auslastung von Hunden jeder Rasse und hilft deren Menschen beim Umgang mit schwierigen Problemhunden. Uschi Loth züchtet seit vielen Jahren Briards, hat vier erwachsene Kinder und drei Enkelkinder und lebt mit ihrem Mann und ihrem Hunderudel in Burbach im Siegerland.

Weitere Infos: www.teamwaerts.com

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