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Anti-Giftködertraining

26. Juli 2015 | By More

LESEPROBE aus der SPF 20, von Sonja Meiburg
„Mann, so ein Gierschlund!“, murmelt Frau B., während sie mit ihrem Fingernagel etwas konsterniert die letzten Dreckklümpchen vom Jackenärmel kratzt. Was war passiert? Während unseres Spaziergangs lag ein entsorgtes Butterbrot am Wegesrand, dessen ursprünglicher Besitzer offensichtlich nicht so überzeugt von dessen Geschmack war wie Balu, der 30 Kilogramm schwere Labradorrüde von Frau B. Als Balu den Duft des Butterbrots in die Nase bekam, entwickelte er eine Vehemenz, die ich sonst nur von meinen Töchtern kenne, wenn es beim sonntäglichen Frühstück um das letzte Stück French Toast geht. Dem hatte Frau B. nichts entgegenzusetzen, wurde mit Schmackes quer über den Weg gezogen und landete mit einer eleganten Drehung im Matsch.
„Das macht er ständig! Ich lebe nicht nur in dauernder Sturzgefahr, sondern auch in der Angst, dass es statt eines Butterbrots mal ein Giftköder sein könnte. Täglich sage ich ihm, dass er das lassen soll. Und ständig muss ich ihm irgendetwas aus dem Maul puhlen. Ich verstehe nicht, warum er nicht kapiert, dass er nichts vom Boden aufnehmen soll! Er muss doch wissen, dass er das nicht darf!“

Diese hilflose und sorgenvolle Wut kenne ich von vielen Hundehaltern. Sie schimpfen, sie strafen, sie nehmen ihrem Hund seine Beute ab und verstehen nicht, warum ein Hund wie Balu trotzdem immer wieder Fressbares findet und runterschluckt. Dabei ist die Erklärung ganz einfach: Bestraft werden macht schlau! Und schnell!
Wenn ein Balu merkt, dass er Fressbares nicht behalten darf und es unangenehm wird, sobald der Mensch in seine Nähe kommt, sucht er sich Strategien, um seinen Fund irgendwie behalten zu können. Er ist schließlich ein kluger Hund. Diese Strategien können zum Beispiel so aussehen:

Strategie 1: Der Hund nimmt alles, was er findet, superschnell und möglichst heimlich ins Maul und versucht, es so schnell wie möglich in Sicherheit zu bringen (sprich: zu schlucken). Je früher Sie ihn erwischen, umso schneller wird er beim nächsten Mal schlucken.

Strategie 2: Ihr Hund schnappt sich, was am Boden liegt, und sorgt dann ganz flott für einen grooooßen Sicherheitsabstand zu Ihnen, damit er ein wenig Zeit hat, seine Beute zu verschlucken, bevor Sie ihn erreichen.

Strategie 3: Er beginnt, seine Beute Ihnen gegenüber zu verteidigen.

Die Strategie, ab sofort und in Zukunft Beute liegen zu lassen, kommt ihm meistens nicht in den Sinn, denn wer Fressbares liegen lässt, geht hungrig nach Hause. „Aber wenn ich ihn nicht dafür bestrafe, dass er das Butterbrot aufnimmt, wie soll er dann wissen, dass er das lassen soll?“
Am wirkungsvollsten ist es, wenn wir einem Balu nicht einfach verbieten, etwas vom Boden aufzunehmen. Viel besser wäre ihm beizubringen, was er stattdessen genau tun soll. Wir bringen ihm also eine nützliche Verhaltensweise bei, die mit der Aufnahme von Nahrung vom Boden inkompatibel ist.
Zu diesem Zweck bietet sich die Basisübung „Stoppen vor dem Futter“ an. Ziel der Übung ist, dass Balu zuverlässig stehen bleibt, sobald er etwas Fressbares am Boden entdeckt. Sobald der Hund die Übung beherrscht, verhindert sie nicht nur die unerwünschte Nahrungsaufnahme, sondern hat sogar einen positiven Nebeneffekt. Wir können dann am Verhalten des Hundes erkennen, dass etwas am Boden liegt, und es mitnehmen und entsorgen (oder zur Polizei bringen) können, damit auch kein anderes Lebewesen daran Schaden nimmt.

So bereiten Sie sich vor
Was Sie brauchen, sind ein paar richtig superoberdolletolle Leckerlis (die sogenannten „Yeah-Gutties“) und ein paar Leckerlis, die nicht so toll sind (die sogenannten „Na-ja-Gutties“). Als Yeah-Gutties kommen zum Beispiel Leberkäse, Gouda, Wiener, getrockneter Fisch, Stinkekäse oder Ähnliches infrage. Als Na-ja-Gutties tut’s das normale Trockenfutter, ein trockenes Stück Brot oder ein Apfelstückchen.
Außerdem brauchen Sie Ihr Markersignal (Clicker oder Clickwort), falls Sie eins haben, oder Sie üben schon mal, punktgenau richtig feste zu loben. Der Marker erfüllt dabei zwei Funktionen: Zum einen stoppt das Signal den Hund durch das Versprechen auf eine tolle Belohnung von Ihnen, bevor er das Futter erreicht, zum anderen wird er automatisch dafür belohnt, dass er das Futter am Boden (noch) nicht gefressen hat. Er lernt: Anhalten lohnt sich!
Und als Drittes benötigen Sie ein sogenanntes „Freigabesignal“, das Ihrem Hund sagt: „Jetzt darfst du’s nehmen.“ Infrage kommen zum Beispiel „Nimm’s dir“ oder „Jetzt darfst du“ oder etwas Ähnliches. Suchen Sie sich etwas, das Ihnen leicht von den Lippen geht.
Fertig? Dann kann’s ja losgehen.
Beginnen Sie das Training in einer ablenkungsarmen Umgebung, am besten in Ihrem Zuhause. Binden Sie Ihren Hund mit Brustgeschirr und Leine an oder bitten Sie eine zweite Person, Ihnen zu helfen. Dann stellen Sie (oder Ihre Hilfsperson) einen Teller mit ein paar Na-ja-Gutties in etwa fünf Metern Entfernung von Ihrem Hund auf den Boden. Außerdem stecken Sie sich eine ganze Handvoll superoberleckertoller Yeah-Gutties ein. Dann binden Sie Ihren Hund los, halten die Leine aber weiter in der Hand.
Warten Sie, bis sich Ihr Balu daran erinnert, dass Sie die Na-ja-Gutties auf den Boden gestellt haben. Sie erkennen das zum Beispiel daran, dass er zu den Gutties schaut, dass er witternd die Nase in die Luft hält oder dass er sich gleich in die Leine hängt. Sollte nichts in der Art passieren, gehen Sie etwas näher an die Gutties heran. Achten Sie aber darauf, die Leine so kurz zu nehmen, dass Ihr Hund nicht an die Gutties heranreicht.
Sobald Sie bemerken, dass der Hund das Futter in der Nase hat, geht es los: Sie bleiben stehen, markern und belohnen jeden Blickkontakt und jede Nasenbewegung in Richtung Futter. Das bedeutet: Sie clicken für den Blickkontakt zum Futter oder Sie geben Ihr verbales Markersignal. Nach jedem Marker halten Sie Ihrem Hund ein Yeah-Guttie vor die Nase und locken ihn damit über eine kleine Drehung vom Futter weg. Während er vom Futter am Boden wegschaut, wird er von Ihnen belohnt.
Dann darf er wieder zu den Na-ja-Gutties schauen. Sobald er zum Futter sieht, markern Sie, locken ihn wieder zu sich her und füttern ihn erneut. Dann lassen Sie ihn wieder zum Futter schauen, was Sie ein weiteres Mal belohnen können, und so weiter.

Um den Blickkontakt zum Futter zu unterstützen, schauen Sie selbst zum Futter zurück, denn wenn Sie Blickkontakt zu Ihrem Balu halten, wird er vermutlich weiter Sie anschauen und nicht das Futter.

Wichtig:
Achten Sie beim Training darauf, dass Ihr Hund sich nicht angewöhnt, immer erst mal in die Leine zu rennen, um zu testen, ob er vielleicht mit genügend Schwung doch noch an das Futter am Boden heranreicht. Wir wollen ja ein „STOPP“ trainieren und kein „Ich schau mal, ob die Leine hält“. Außerdem soll das Ganze später auch ohne Leine funktionieren. Es ist in Ordnung, wenn er das am Anfang mal versucht und merkt, dass er das Futter nicht bekommt. Aber das Training ist wesentlich erfolgreicher (und wesentlich gesünder für Ihre Arme), wenn Sie ihn so oft wie möglich durch Ihr Markersignal stoppen, bevor sich die Leine spannt. Es hängt also einiges von Ihrem Timing ab. Markern und belohnen Sie ganz oft, bevor Ihr Hund in die Leine rennt. Es gibt diesen klitzekleinen Moment zwischen dem Augenblick, in dem Ihr Hund das Futter wahrnimmt, und dem Augenblick, in dem er zum Futter hinstürzt. Wenn Sie diesen Moment immer wieder mit Ihrem Marker und der Belohnung erwischen, wird Ihr Hund sich angewöhnen, sich nach dem Wahrnehmen des Futters erst einmal zu Ihnen zu orientieren, denn es besteht eine gute Chance, dass er genau dafür belohnt wird.

Wiederholen Sie die Abfolge Hinschauen – Clicken – Füttern, bis Sie merken, dass Ihr Hund sein Hirn einschaltet. Das merken Sie daran, dass er sich nach Ihrem Markersignal sofort zu Ihnen umwendet, um seine Belohnung entgegenzunehmen. Jetzt lassen Sie es darauf ankommen. Sie lassen Ihren Hund wieder zum Futter hinschauen, markern aber (noch) nicht. Wenn Sie merken, dass Ihr Hund bewusst stoppt, bevor er das Leinenende erreicht, und dabei das Futter anschaut, oder wenn Sie merken, dass Ihr Hund sich vor Erreichen des Leinenendes zu Ihnen umdreht, geben Sie für Ihren Hund deutlich erkennbar Ihr Freigabesignal und schicken ihn danach zum Futter, das er genüsslich verspeisen darf.

Die Abfolge im Überblick:
Hund anbinden oder Hilfsperson um Hilfe bitten – Futter auslegen – Hund an die Leine nehmen – Hund fürs deutliche Wahrnehmen des Futters markern und belohnen, indem er kurz vorm Futter weggelockt und dann gefüttert wird – wieder hinschauen lassen – wiederholen, bis Ihr Hund von allein stoppt oder sich vom Futter freiwillig abwendet – Freigabe.

Ihr Hund lernt also: Wenn ich das Futter am Boden anschaue und dabei stehen bleibe, bekomme ich eine Belohnung, die viel besser ist als das, was am Boden liegt, und ich bekomme das, was am Boden liegt, sogar noch zusätzlich. Das ist die perfekte Voraussetzung für das weitere Training.

Schwierigkeit steigern
Ihr Hund stoppt schon freiwillig, sobald Ihre Hilfsperson einen Teller mit Naja-Gutties auf den Boden stellt? Dann ist es Zeit, die Schwierigkeit zu steigern.

Die Abfolge im Überblick: Hund anbinden oder halten lassen – Futter auslegen – Hund an die Leine nehmen – Hund fürs deutliche Wahrnehmen des Futters markern und belohnen – STOPP, jetzt kommt etwas Neues.

Anstatt sofort die Freigabe zu erteilen, wenn Ihr Hund freiwillig stehen bleibt, gehen Sie ein, zwei Schritte in Richtung der Na-ja-Gutties und bleiben dort wieder stehen. Achten Sie darauf, dass Sie dabei notfalls die Leine etwas verkürzen, damit Ihr Hund auch während Ihrer Annäherung nicht an die Na-ja-Gutties heranreichen kann, falls er plötzlich durchstarten sollte. Sobald sich Ihr Hund mit Ihnen in Bewegung setzt, stoppen Sie ihn wieder mit Ihrem Markersignal und belohnen ihn. Wenn Ihr Timing richtig gut ist, schaffen Sie das, bevor Ihr Balu in der Leine hängt. Da Ihr Hund schon etwas Routine hat, wird es nicht lange dauern, bis er wieder freiwillig stoppt. Wenn das der Fall ist, gehen Sie wieder ein, zwei Schritte näher an das Futter am Boden heran.
Üben Sie so lange, bis Sie unmittelbar vor dem Futter stehen können und Ihr Hund keinerlei Anstalten macht, sich das Futter einverleiben zu wollen, sondern brav auf seine Belohnung und Ihre Freigabe wartet. Diese Übung ist die Basis für alle weiteren Steigerungen. Nehmen Sie sich die Zeit und üben Sie intensiv.

Und wie geht es nun weiter?
Es ist ja ein ganz netter Trick, wenn Balu stehen bleibt, sobald Sie ihm etwas Futter vor die Nase stellen. Aber natürlich hilft diese Übung in dieser Form noch nicht, damit Ihr Hund letztlich vor allem stehen bleibt, was Sie ihm vorsetzen. Da müssen Sie schon noch ein Schippchen mehr auflegen, sprich: die Übung generalisieren.
Generalisieren bedeutet, dass Sie Ihr Training unter sehr vielen, verschiedenen Umständen durchführen. Sie verändern sowohl den Ort, an dem Sie üben, die Tageszeit, die Entfernung zwischen Ihrem Hund und Ihnen, die Entfernung zwischen Ihrem Hund und dem Futter, die Gassibegleitung, das Futter, mit dem Sie üben, und so weiter. Am einfachsten und überschaubarsten ist es, wenn Sie pro Übungseinheit nur eine Variable verändern.
Legen Sie in der nächsten Session statt des Trockenfutters ein mit Margarine bestrichenes Brot als Na-ja-Guttie und etwas Käse als Yeah-Guttie in die Futterschüssel. In der darauffolgenden Session üben Sie nicht daheim im Wohnzimmer, sondern draußen im Garten. Wenn Sie bisher vor allem nach Feierabend geübt haben, nutzen Sie das Wochenende, um auch mal morgens Ihr Giftködertraining durchzuführen. Nach einigen Übungseinheiten verlegen Sie Ihr Training vom Garten vor Ihr Haus. Lassen Sie in einer Trainingseinheit die Leine besonders lang, sodass Sie mehr Abstand als sonst zu Ihrem Hund haben. Verpacken Sie das Futter am Boden immer wieder neu: Mal legen Sie das Futter auf einem kleinen Tellerchen aus, mal auf einer Serviette (damit Sie sehen, wo es liegt), mal ganz ohne „Drumherum“. Und wenn Sie und Ihr Hund schon sehr, sehr, sehr oft geübt haben, lassen Sie sich das Futter auf dem Spaziergang von einer zweiten Person auslegen.
Giftködertraining hat sehr viele Facetten. Es macht Sinn, zusätzlich zu der Basisübung noch ein spezielles, an Futter aufgebautes Rückruftraining durchzuführen und Ihrem Hund ein Futteranzeigeverhalten beizubringen, an dem Sie ganz sicher erkennen, dass er etwas gefunden hat. Die hier beschriebene Übung soll Ihnen den Einstieg ins Giftködertraining erleichtern und Ihnen wertvolle Sekunden verschaffen, wenn Ihr Hund einen richtig guten, aber gefährlichen Geruch in der Nase hat.
Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht, leider. Hunde sind keine Maschinen. Aber durch sinnvoll aufgebautes und sorgfältig durchgeführtes Training können Sie die Wahrscheinlichkeit, dass Ihr Hund einen Giftköder aufnimmt, erheblich verringern.

Ein kleines VIDEO zeigt, wie das Trainingsergebnis aussehen kann. Außerdem erscheint im Frühjahr 2016 das Buch der Autorin Sonja Meiburg zum gleichen Thema im Cadmos-Verlag.

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Category: Hundeausbildung

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